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Der Gott, der auf uns wartet

Autorenbild: manfred.lobstein
manfred.lobstein
vor 5 Stunden
5 Min. Lesezeit

„Darum harrt der HERR darauf, euch gnädig zu sein, und darum erhebt er sich, sich euer zu erbarmen; denn der HERR ist ein Gott des Gerichts. Wohl allen, die auf ihn harren!“ (Jesaja 30:18) 

Jesaja 30 (Vertiefung) 

Jesaja 30 enthält eine der tiefsten Aussagen des gesamten Jesajabuches. Der Prophet spricht hier nicht nur von einem Volk, das auf Gott warten soll. Er offenbart einen Gott, der seinerseits auf sein Volk wartet. Dieses Bild verändert unseren Blick auf Prüfungen, auf Gebete, die scheinbar unbeantwortet bleiben, und auf Zeiten, in denen der Himmel schweigt. 

Der Mensch wartet auf Antworten. Er wartet auf Heilung, auf Führung, auf Trost, auf eine offene Tür. Manchmal scheint das Warten beinahe unerträglich zu werden. Wir beten, fasten, hoffen – und doch verändert sich zunächst nichts. Gerade in solchen Augenblicken entsteht leicht der Eindruck, Gott habe sich entfernt. 

Doch Jesaja öffnet uns einen völlig anderen Blickwinkel. 

Nicht nur wir warten auf Gott. 

Gott wartet auf uns. 

Diese wenigen Worte verändern die gesamte Perspektive. Der Herr ist nicht untätig. Er ist nicht gleichgültig. Er hat sein Volk nicht vergessen. Vielmehr wartet er mit vollkommener Geduld auf den Augenblick, an dem sein Wirken den größten Segen hervorbringen kann. Seine Verzögerungen sind niemals Ausdruck mangelnder Liebe. Sie sind Ausdruck vollkommener Weisheit. 

Der unmittelbare Zusammenhang macht dies deutlich. Juda befand sich unter massivem Druck durch das assyrische Weltreich. Politisch erschien ein Bündnis mit Ägypten vernünftig. Diplomatie versprach Sicherheit. Militärische Stärke schien realistischer als Vertrauen auf den Herrn. 

Doch Gott offenbarte Jesaja, dass das eigentliche Problem nicht die Außenpolitik war, sondern das Herz seines Volkes. 

Sie liefen zuerst zu Menschen. 

Erst danach fragten sie Gott. 

Deshalb ruft der Herr: 

„Denn so spricht der Herr HERR, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe würdet ihr gerettet werden; im Stillsein und Vertrauen läge eure Stärke.“ (Jesaja 30:15) 

Wie aktuell diese Worte geblieben sind. Auch wir leben in einer Zeit unzähliger Möglichkeiten. Innerhalb weniger Sekunden finden wir Informationen, Expertenmeinungen oder Lösungen. Vieles davon ist hilfreich. Aber oft suchen wir zuerst überall anders, bevor wir wirklich den Herrn suchen. 

Jesaja erinnert uns daran, dass Gottes Kraft häufig gerade dort beginnt, wo unsere eigenen Möglichkeiten enden. 

Dabei fällt auf, dass Gott sein Volk trotz seines Ungehorsams nicht aufgibt. Er wartet. Nicht, weil ihm unsere Not gleichgültig wäre, sondern weil seine Gnade tiefer reicht als unsere Ungeduld. 

Vielleicht kennen wir solche Zeiten. Wir bitten um Klarheit über einen beruflichen Weg. Wir hoffen auf Heilung in der Familie. Wir wünschen uns, dass eine Sorge endlich verschwindet. Manchmal scheint sich über Monate oder Jahre nichts zu verändern. 

Gerade dann spricht Jesaja einen der tröstlichsten Verse seines Buches. 

„Und deine Ohren werden hinter dir das Wort hören: Dies ist der Weg, wandelt auf ihm!“ (Jesaja 30:21) 

Welch wunderbares Bild. 

Nicht ein lauter Donner vom Himmel. 

Nicht ein spektakuläres Wunder. 

Sondern die ruhige Stimme des Lehrers, der hinter seinem Schüler geht und ihn sanft korrigiert. 

Der Herr drängt sich nicht auf. 

Er begleitet. 

Er führt. 

Er spricht oft erst dann deutlich zu unserem Herzen, wenn wir bereit geworden sind zuzuhören. 

Diese Vorstellung erinnert an die Erfahrung des jungen Samuel. Mehrmals hielt er Gottes Stimme zunächst für die seines Lehrers Eli (1 Samuel 3). Erst allmählich lernte er, Gottes Reden zu erkennen. Ebenso hörte Elia den Herrn nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im „stillen, sanften Säuseln“ (1 Könige 19). Gottes Führung geschieht häufig leise. Sie verlangt ein Herz, das gelernt hat zu warten. 

Elder David A. Bednar hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Offenbarung häufig nicht spektakulär geschieht. Oft gleicht sie eher einem Sonnenaufgang als einem Blitz. Während wir Schritt für Schritt im Glauben vorangehen, erkennen wir Gottes Führung manchmal erst im Rückblick (David A. Bednar: “Patterns of Light: Spirit of Revelation”). Gerade deshalb ermutigt Jesaja, auf die leise Stimme des Herrn zu achten: „Dies ist der Weg, den geht!“ (Jesaja 30:21). Wer geduldig weitergeht, erlebt oft erst später, wie der Herr ihn die ganze Zeit hindurch geführt hat. 

Auch die Joseph-Smith-Übersetzung hilft, Gottes Wesen besser zu verstehen. Sie macht an vielen Stellen deutlich, dass Gottes Gericht niemals Selbstzweck ist. Sein Ziel bleibt immer Umkehr, Reinigung und letztlich Erlösung. Das passt vollkommen zu Jesaja 30. Der Herr lässt Züchtigung zu, aber nie ohne Hoffnung. Hinter jeder Erziehung steht seine Liebe. 

Diese Wahrheit zeigt sich auch in der Geschichte der Kirche. 

Viele Mitglieder in Westafrika warteten jahrzehntelang auf Segnungen, die für andere selbstverständlich waren. Schon lange vor der Errichtung von Tempeln hielten treue Mitglieder in Ländern wie Ghana oder anderen Teilen Westafrikas unbeirrt am Evangelium fest. Sie versammelten sich, studierten die heiligen Schriften, dienten einander und warteten geduldig auf den Tag, an dem sie die heiligen Handlungen des Tempels in ihrer Heimat empfangen konnten. 

Als schließlich Tempel gebaut wurden – unter anderem der Tempel in Accra –, beschrieben viele Mitglieder diesen Moment als Erfüllung jahrzehntelanger Gebete. Rückblickend erkannten sie, dass Gott sie während der gesamten Wartezeit vorbereitet hatte. Ihr Glaube war tiefer geworden, ihre Gemeinden stärker zusammengewachsen, ihre Liebe zum Evangelium gewachsen. Gott hatte nicht gezögert, weil er sie vergessen hatte. Er hatte auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.  “The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints in Ghana”. 

Ein ähnlicher Gedanke zieht sich durch viele Ansprachen von Präsident Henry B. Eyring. Immer wieder berichtet er aus seinem eigenen Leben, wie er erst Jahre später erkennen konnte, weshalb Gott bestimmte Antworten hinausgezögert hatte. Rückblickend wurde deutlich, dass der Herr ihn, seine Familie oder andere Menschen zunächst auf größere Segnungen vorbereitete. Präsident Eyring lädt deshalb immer wieder dazu ein, Gottes Hand auch im Rückblick zu erkennen – etwa indem wir regelmäßig festhalten, wie der Herr uns geführt hat. Dadurch wächst das Vertrauen in seinen vollkommenen Zeitplan. “Remembering God's kindness”; “O denkt daran, denkt daran”. 

Vielleicht ist genau das eine der schwersten Lektionen des Glaubens. 

Wir wünschen uns schnelle Antworten. 

Gott schenkt oft tiefere Antworten. 

Wir wünschen uns sofortige Veränderungen. 

Gott verändert häufig zuerst unser Herz. 

Wir möchten den Weg sehen. 

Gott möchte, dass wir lernen, ihm auch dann zu vertrauen, wenn der nächste Schritt noch verborgen bleibt. 

Jesaja endet diesen Abschnitt nicht mit Gericht, sondern mit Hoffnung. Gott verheißt Heilung, Erneuerung und überströmenden Segen. Er ist der Gott, der verbindet, was zerbrochen ist. Der Lehrer hinter uns wird zugleich der Arzt unserer Wunden. 

Vielleicht warten wir heute gerade auf eine Antwort. 

Vielleicht scheint der Himmel still. 

Vielleicht verstehen wir Gottes Zeitplan nicht. 

Jesaja lädt uns ein, eine neue Frage zu stellen. 

Nicht: „Warum antwortet Gott nicht?“ 

Sondern: 

„Worauf bereitet Gott mich gerade vor?“ 

Diese Frage verändert alles. Denn plötzlich wird das Warten selbst Teil der Offenbarung. 

Ich selbst musste schon mehrfach erfahren, dass Gottes Antworten anders kamen als erwartet. Damals erschien mir das Schweigen des Himmels wie ein Hindernis. Erst später erkannte ich, dass der Herr während dieser Zeit bereits an meinem Herzen arbeitete. Rückblickend sehe ich, dass manche Segnungen zu einem früheren Zeitpunkt gar nicht die gleiche Wirkung gehabt hätten. Heute bin ich dankbar, dass Gott nicht jede meiner Bitten sofort erfüllt hat. Sein Zeitplan war besser als meiner. Deshalb stärkt mich Jesajas Zusage immer wieder neu: Der Herr wartet nicht aus Distanz, sondern aus Liebe. Er kennt den Augenblick, in dem seine Gnade ihre größte Kraft entfaltet.

 
 
 

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