Die Ordnung der Himmel
- manfred.lobstein

- vor 5 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

„Denn es gibt viele Königreiche; und einem Reich nach dem anderen gibt es größere und kleinere; und einem Stern nach dem anderen gibt es größere und kleinere, aber alle sind gemacht, um meinem Werk und meiner Herrlichkeit zu dienen.“ (frei angelehnt an Abraham 3 und LuB 76:86–88)
Intelligenzen, Herrlichkeit und ewiges Wachstum (Abraham 3:1–21)
Wenn Abraham im dritten Kapitel des Buches Abraham seine Vision der Himmel beschreibt, öffnet sich vor uns ein gewaltiges Panorama göttlicher Ordnung. Die Szene beginnt bemerkenswert schlicht: „Und ich, Abraham, hatte den Urim und Tummim“ (Abraham 3:1). Dieses heilige Instrument, schon aus der Bibel bekannt (2. Mose 28:30; Esra 2:63), diente Propheten als Mittel, um göttliche Offenbarung zu empfangen und Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden. Auch im Buch Mormon lesen wir von Urim und Tummim, als das „übersetzende Instrument“, das dem Propheten Joseph Smith gegeben wurde (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:35). Der Herr hatte Abraham dieses heilige Werkzeug im Land Ur gegeben – gerade dort, wo der junge Abraham um sein Leben fürchten musste. Offenbarung wird nicht erst dann gegeben, wenn die Umstände ideal sind; sie wird gegeben, damit wir in schwierigen Umständen den Himmel klarer erkennen.
Vor diesem geistigen Hintergrund sieht Abraham die Sterne – „dass sie sehr groß waren“ – und einen Stern, der „dem Thron Gottes am nächsten war“ (Abraham 3:2). Wieder spricht der Herr nicht in abstrakten Begriffen, sondern in Bildern, die der Mensch fassen kann. Der große Stern heißt Kolob, ein Name, der uns auch an anderen Stellen begegnet (Abraham 5:13). Die Schrift beschreibt Kolob nicht nur als ein Sinnbild, sondern ausdrücklich als einen realen, physischen Stern, „der dem Thron Gottes am nächsten ist“ (Abraham 3:2). Der Schriftenführer fasst das klar: „Der Stern, der dem Thron Gottes am nächsten ist“ – ein tatsächlicher Himmelskörper, den Abraham mittels Urim und Tummim sah. Gleichzeitig wird Kolob auch symbolisch gebraucht: Er steht für Nähe zu Gott, für Ordnung, Rang und göttliche Herrschaft. Wenn der Herr sagt, Kolob sei „gesetzt, dass er alle jene regiere, die derselben Ordnung angehören wie der, auf dem du stehst“ (V. 3), deutet dies auf eine himmlische Hierarchie hin, die sowohl real im Kosmos als auch geistig im Reich Gottes existiert. Kolob ist physisch – aber er verweist zugleich auf geistige Wirklichkeiten. Die Vision benutzt kosmische Sprache, um geistige Realität zu lehren.
Wenn der Herr Abraham dann erklärt, dass die Umdrehung Kolobs einem „Tag des Herrn“ entspreche – nämlich tausend Jahren nach irdischer Zeitrechnung (V. 4; vgl. 2. Petrus 3:8; Psalm 90:4) – geht es nicht darum, astronomische Details wörtlich zu deuten. Es ist eine Analogie: Die Entfernung von der göttlichen Gegenwart wird in Zeitunterschieden greifbar gemacht. Die „langsamer bewegten“ Planeten (V. 5–8) sollen verdeutlichen, dass es Ordnungen, Stufen und Reiche gibt – sowohl im Kosmos als auch im Reich Gottes. Genau denselben Gedanken finden wir im Neuen Testament, wenn Paulus von der Herrlichkeit der Sonne, des Mondes und der Sterne spricht (1. Korinther 15:40–42). Die Schöpfung selbst predigt vom ewigen Fortschritt: Es gibt immer etwas Größeres über uns, immer etwas, dem wir uns annähern dürfen.
Doch die Vision ist nicht nur kosmisch. Sie ist zutiefst persönlich. Abraham berichtet: „Ich redete … mit dem Herrn von Angesicht zu Angesicht“ (V. 11). Aber selbst dieser unmittelbare Austausch reicht nicht aus, um die Herrlichkeit der zahllosen Werke Gottes zu fassen. Deshalb „legte er seine Hand auf meine Augen“ (V. 12). Dieses Berühren erinnert an Mose, der vor dem Herrn stand, aber verherrlicht werden musste, damit er Gottes Gegenwart ertragen konnte (Mose 1:11). Nicht die Augen selbst machen die Wirklichkeit sichtbar, sondern die Macht Gottes, die sie öffnet. So wird Abraham befähigt, die Fülle der Schöpfung zu betrachten: Sonne, Mond, Sterne – Schineha, Olea, Kokabim (V. 13). Diese hebräisch gefärbten Begriffe verbinden die Vision wieder mit Abrahams Welt, damit er erkennen kann: Der Gott der Himmel ist auch der Gott seines Lebens.
Dann spricht der Herr einen Segen, der das Herz des Patriarchen über Generationen hinweg tragen sollte: „Ich will dich mehren und deine Nachkommen gleichwie die Sterne“ (V. 14). Wieder verbindet Gott Himmel und Erde. Die unzählbare Sternenmenge wird zum Bild für das Wachstum eines Bundesvolkes, das durch Glauben und Gehorsam in dieselbe göttliche Ordnung hineinwächst, die Abraham gerade vor Augen sieht.
Bemerkenswert ist der Zweck dieser Offenbarung: „damit ihr alle diese Worte verkünden möget, ehe ihr nach Ägypten geht“ (V. 15). Abraham erhält den Auftrag, diese Erkenntnisse weiterzugeben. Obwohl die Vision himmlisch ist, ist ihr Ziel irdisch: Menschen sollen dadurch vorbereitet werden. Die Aufforderung gilt auch uns – Erkenntnis darf nicht in uns eingeschlossen bleiben; sie soll Licht für andere werden (vgl. Matthäus 5:14–16).
In Vers 16 und 17 kehrt die Vision wieder zur Bildsprache der Planeten zurück, um ein geistiges Gesetz zu lehren: Wenn es zwei Dinge gibt und eines über dem anderen steht, dann gibt es auch über dem zweiten etwas Größeres. Dieses Prinzip gilt sowohl für die Schöpfung als auch für das Reich Gottes: Wachstum ist ein ewiges Gesetz. Kein Wesen, kein Licht, keine Erkenntnis ist der höchste Punkt – außer Gott selbst. Und so mündet die kosmische Erklärung in eine der tiefsten Aussagen über die Natur des Menschen: „wenn es zwei Geister gibt … so haben diese … keinen Anfang … sie werden kein Ende haben … denn sie sind n-olam oder ewig“ (V. 18). Diese Stelle verbindet sich mit Offenbarungen in den Lehren und Bündnissen über Intelligenzen und die Unsterblichkeit des Geistes (LuB 93:29–33). Wir sind nicht erschaffen worden wie ein Gegenstand, sondern wir sind seit Ewigkeit her vorhandene Intelligenzen, die Gott in seinen Plan des Fortschritts aufgenommen hat.
Doch auch unter Intelligenzen gibt es Ordnung: „der eine ist intelligenter als der andere“ (V. 19). Diese Aussage will nicht trennen, sondern erklären: Wachstum bedeutet Annäherung an das höhere Licht, und das höchste Licht ist Gott selbst. „Ich bin intelligenter als sie alle“, sagt der Herr – nicht um zu herrschen im Sinn von Macht, sondern im Sinn von Führung, Weisheit und Liebe. Wer Christus erkennt, erkennt das höchste mögliche Maß an Intelligenz, an reiner Wahrheit und an vollkommenem Licht (Johannes 1:4–9).
Diese Vision schließt schließlich mit einem zutiefst tröstlichen Bild: Gott ist nicht einfach der ferne Herrscher über Sterne und Intelligenzen – Er „wohnt inmitten von ihnen allen“ (V. 21). Der Gott, dessen Thron der Mittelpunkt der Ewigkeit ist, ist gleichzeitig der Gott, der Abraham aus den Händen des Priesters von Elkena rettete (V. 20), der in unser Leben herabsteigt und uns führt. Seine Weisheit durchdringt sowohl die Umlaufbahnen der Sterne als auch die Wege unseres Alltags. Die Ordnung der Himmel ist dieselbe Ordnung, nach der Er uns leitet – weise, geduldig, Schritt für Schritt, immer ein wenig näher zu Ihm.
Persönliches geistliches Zeugnis
Wenn ich über Abrahams Vision nachsinne, spüre ich, wie der Geist mich lehrt, dass Gottes Ordnung nicht etwas Fernes oder Abstraktes ist. Sie ist die Struktur meines eigenen geistigen Wachstums. So wie es in der Schöpfung stets etwas Größeres über dem bereits Bekannten gibt, so ruft auch Gott mich, mich weiterzuentwickeln, mein Herz zu läutern und mich dem Licht anzunähern, das von Ihm ausgeht. Ich weiß, dass wir ewige Intelligenzen sind, berufen, in Seiner Gegenwart zu wachsen. Ich weiß, dass der Herr wirklich inmitten all seiner Kinder wohnt – nicht nur in den Sternen und Galaxien, sondern in den stillen Momenten unseres Alltags, in denen Er unsere geistigen Augen berührt und uns mehr erkennen lässt, als wir zuvor sehen konnten. Und ich bezeuge, dass diese göttliche Ordnung uns nicht einschränkt, sondern uns in jene Freiheit führt, die nur in Christus zu finden ist.



Kommentare