Er hat unsere Krankheit getragenen


„Und doch war er verwundet (oder: durchbohrt) um unserer Übertretungen (oder: Missetaten) willen und zerschlagen infolge unserer Verschuldungen (oder: Sünden): die Strafe war auf ihn gelegt zu unserm Frieden (= uns zum Heil), und durch seine Striemen ist uns Heilung zuteil geworden“ (Jesaja 53.5)
Es gibt Worte in den heiligen Schriften, die wir kennen, lange bevor wir verstehen, wie tief sie reichen. Jesaja 53 gehört für mich zu diesen Worten. Wir lesen von einem Mann, der verachtet und verworfen wird, von einem „Mann der Schmerzen“, von Wunden, Leiden und Tod. Wir erkennen darin den Erlöser. Wir sehen das Kreuz. Wir denken an Gethsemane.
Aber vielleicht reicht das noch nicht weit genug.
Denn Jesaja sagt nicht nur: Er hat unsere Sünden getragen. Er sagt: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ (Jesaja 53:4). Der Messias trägt nicht nur das, was wir falsch gemacht haben. Er trägt auch das, was uns widerfährt. Er trägt unsere Verwundungen, unsere Schwachheit, unsere Einsamkeit, unsere Angst, unsere Trauer und unsere Schmerzen.
Das Buch Mormon macht diese Wahrheit noch deutlicher. Alma bezeugt, dass Jesus Christus „Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art“ auf sich nehmen werde. Er werde „die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes“ tragen und unsere Schwächen auf sich nehmen, damit er wisse, wie er uns „gemäß unseren Schwächen beistehen“ könne. (Alma 7:11-13)
Das ist für mich einer der tröstlichsten Gedanken des Evangeliums.
Christus hilft uns nicht nur, weil er allmächtig ist. Er hilft uns auch, weil er weiß.
Er weiß, wie sich Schmerz anfühlt.
Er weiß, was Einsamkeit bedeutet.
Er weiß, wie es ist, missverstanden, zurückgewiesen und verspottet zu werden.
Er weiß, was es bedeutet, Angst vor dem Kommenden zu haben.
Er weiß, wie sich körperliche Erschöpfung anfühlt.
Er weiß, wie es ist, wenn Menschen, die man liebt, leiden.
Und deshalb ist sein Mitgefühl nicht theoretisch. Es ist nicht das distanzierte Mitgefühl eines Menschen, der von außen auf unser Leben schaut. Christus hat das menschliche Leiden selbst betreten.
Alma gebraucht dafür eine bemerkenswerte Formulierung: Christus werde wissen, wie er uns „gemäß dem Fleische“ beistehen könne.
Er weiß nicht nur über unseren Schmerz Bescheid. Er kennt ihn.
Das verändert die Art, wie wir Jesaja 53 lesen.
Vielleicht gibt es in deinem Leben eine Wunde, die niemand sonst vollständig versteht. Vielleicht ist es etwas, worüber du kaum sprichst. Eine Enttäuschung. Eine Trauer. Eine zerbrochene Beziehung. Ein Versagen. Eine Krankheit. Eine lange Zeit der Einsamkeit. Vielleicht eine Schuld, die du bereut hast, deren Folgen aber trotzdem noch in deinem Leben spürbar sind.
Dann sagt Jesaja nicht: Du musst dich zuerst selbst heilen, damit Christus zu dir kommen kann.
Er sagt: Er ist bereits dort gewesen.
„Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Heilung bedeutet dabei nicht immer, dass die Erinnerung verschwindet oder dass jede Krankheit sofort endet. Manchmal besteht Heilung darin, dass eine Wunde nicht länger unser Verhältnis zu Gott bestimmt. Manchmal bedeutet sie, dass wir trotz einer bleibenden Einschränkung wieder Hoffnung finden. Manchmal verändert Christus nicht sofort unsere Umstände, sondern zuerst unsere Fähigkeit, sie mit ihm zu tragen.
Gerade deshalb gefällt mir die Verbindung zu Jesaja 42:3, wo vom Messias gesagt wird: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Auch die Inspired Version bewahrt diese eindrucksvolle Beschreibung des Erlösers.
Jesus Christus geht mit Zerbrochenem anders um als die Welt.
Die Welt fragt häufig: Was ist noch brauchbar?
Christus fragt: Was kann ich heilen?
Die Welt sieht Schwäche.
Christus sieht einen Menschen.
Die Welt sieht das zerbrochene Gefäß.
Christus sieht, was daraus durch seine Gnade noch werden kann.
Elder Jeffrey R. Holland hat dieses Bild in seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ auf eine besonders eindringliche Weise auf unser Leben angewandt. Er sprach offen über seelische und emotionale Leiden und erinnerte daran, dass solche Erfahrungen keine Schande sind. Auch Menschen, die glauben, beten und sich bemühen, können zutiefst verwundet sein.
Das ist eine wichtige Wahrheit, denn manchmal machen wir unser Leiden noch schwerer, indem wir glauben, wir müssten als gläubige Menschen immer stark sein.
Aber Jesaja 53 zeigt uns einen anderen Weg.
Der Erlöser selbst wird als „Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“ beschrieben (Jesaja 53:3).
Unser Glaube besteht deshalb nicht darin, so zu tun, als hätten wir keine Schmerzen. Unser Glaube besteht darin, mit unseren Schmerzen zu Christus zu gehen.
Vielleicht ist das eine der praktischsten Formen des Glaubens: nicht nur unsere Sünden vor den Herrn zu bringen, sondern auch unsere Wunden.
Im Gebet dürfen wir ihm sagen, was uns weh tut.
Wir dürfen ihm unsere Enttäuschungen erzählen.
Wir dürfen unsere Angst vor ihm aussprechen.
Wir dürfen ihm auch das übergeben, was wir selbst nicht erklären können.
Und vielleicht müssen wir dabei gar nicht immer um die sofortige Entfernung des Schmerzes bitten. Vielleicht können wir manchmal beten: „Herr, wenn ich das schon tragen muss, dann hilf mir, es nicht allein zu tragen.“
Das ist keine Resignation.
Es ist Vertrauen.
Elder Patrick Kearon hat in seiner Ansprache „Gottes Absicht ist es, Sie nach Hause zu bringen“ eine ähnliche Wahrheit aus einer anderen Perspektive bezeugt. Er erinnerte daran, dass Christus Menschen nicht zurückweist, die mit zerbrochenem Herzen zu ihm kommen. Seine gesamte Mission sei darauf ausgerichtet, zu heilen, Frieden zu geben und uns nach Hause zu bringen.
Wie tröstlich ist dieses Bild: Gottes Absicht ist nicht, uns von ihm fernzuhalten, sondern uns zu ihm zurückzubringen.
Das Sühnopfer Christi ist deshalb viel größer als die Vergebung einzelner Übertretungen. Es ist Gottes Antwort auf die ganze Tragödie der Sterblichkeit.
Christus nimmt das Zerbrochene nicht einfach zur Kenntnis.
Er tritt hinein.
Er trägt.
Er tröstet.
Er stärkt.
Er heilt.
Und eines Tages wird er vollkommen wiederherstellen.
Vielleicht verstehen wir deshalb auch besser, warum Jesaja am Ende seines Liedes nicht bei den Wunden stehen bleibt. Der leidende Knecht wird nicht besiegt bleiben. Sein Leiden führt zu Rechtfertigung, Leben und Sieg. Die Inspired Version benennt das Kapitel ausdrücklich als Beschreibung von Christi Dienst, Leiden und Tod.
Das Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte.
Das Grab ist nicht das Ende der Geschichte.
Und auch unsere Wunde ist nicht das Ende unserer Geschichte.
Für den Jünger Jesu Christi gibt es immer noch ein Danach.
Das bedeutet nicht, dass wir heute schon jede Antwort erhalten. Manche Gebete bleiben lange offen. Manche Krankheiten bleiben. Manche Verluste lassen sich nicht rückgängig machen. Manche Narben verschwinden nicht.
Aber Christus selbst bleibt.
Und vielleicht ist das die tiefste Bedeutung des Wortes Heilung: Nicht dass alles so wird, als wäre niemals etwas geschehen, sondern dass Christus selbst in unser Geschehen tritt und es durch seine Gegenwart verwandelt.
Ich denke dabei an Menschen, die ich kennengelernt habe, deren Leben nicht leicht war und die dennoch eine stille, beinahe unbegreifliche Hoffnung ausstrahlten. Ihre Wunden waren nicht immer verschwunden. Aber ihre Wunden hatten aufgehört, das letzte Wort zu haben.
Das ist für mich ein Zeugnis für Jesaja 53.
Ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich unsere Schmerzen getragen hat. Ich glaube, dass er nicht nur weiß, was ich falsch gemacht habe, sondern auch weiß, was mir wehgetan hat. Ich glaube, dass ich ihm nichts erklären muss, damit er mich versteht. Und ich glaube, dass seine Heilung manchmal plötzlich kommt, manchmal langsam wächst und manchmal erst in ihrer ganzen Fülle jenseits dieses Lebens sichtbar werden wird.
Wenn ich an meine eigenen Schwächen und Verwundungen denke, tröstet mich deshalb nicht allein der Gedanke, dass Christus stark ist.
Mich tröstet der Gedanke, dass er mich kennt.
Er kennt meine Krankheit.
Er kennt meinen Schmerz.
Er kennt meine Angst.
Und er kennt den Weg durch alles hindurch.
Darum kann ich meine Wunden in seine Hände legen.
Denn die Hände, in die ich sie lege, sind selbst von Nägeln gezeichnet.



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