Ich habe dich bei deinem Namen gerufen


"Jetzt aber, so spricht der HErr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein!" (Jesaja 43:1)
Es gibt Kapitel in den heiligen Schriften, die nicht zuerst eine Botschaft an ein Volk richten, sondern an das Herz eines einzelnen Menschen. Jesaja 43 und 44 gehören zu diesen seltenen Abschnitten. Mitten in einer Zeit, in der Israel Schuld auf sich geladen hatte und das Exil unausweichlich schien, spricht der Herr keine Verurteilung aus, sondern nennt sein Volk beim Namen. Er erinnert sie daran, wem sie gehören. Gerade deshalb gehören diese Kapitel zu den tröstlichsten des ganzen Alten Testaments.
„Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Jesaja 43:1)
Wer schon einmal einen Menschen beim Namen gerufen hat, weiß, wie persönlich das ist. Ein Name unterscheidet einen Menschen von allen anderen. Er sagt: Ich kenne dich. Du bist für mich keine Nummer. Genau dieses Bild verwendet der Herr. Er spricht nicht nur zu Israel als Nation. Er spricht zu jedem Einzelnen. Er kennt die Geschichte, die Wunden, die Fragen und auch die Hoffnungen jedes seiner Kinder.
Für die Israeliten muss diese Zusage überraschend gewesen sein. Vieles sprach gegen sie. Sie hatten den Bund gebrochen. Immer wieder hatten sie sich von Gott entfernt und fremden Göttern vertraut. Die politischen Entwicklungen ließen wenig Hoffnung zu. Dennoch beginnt Gott nicht mit einer Aufzählung ihrer Fehler. Er beginnt mit seiner Beziehung zu ihnen: „Ich habe dich erlöst.“ Erst danach folgen Ermahnung und Einladung zur Umkehr.
Dasselbe Muster begegnet uns im gesamten Evangelium Jesu Christi. Der Herr definiert uns nicht zuerst durch unsere Vergangenheit, sondern durch seine Erlösung. Deshalb beginnt auch die Taufe nicht mit einer Liste unserer Unzulänglichkeiten, sondern mit einem Bund. Wir versprechen ihm unsere Treue, und er verspricht uns seine Gegenwart.
Jesaja beschreibt anschließend Wege, die jedem Menschen vertraut vorkommen: „Wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein ... und wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden.“ (Jesaja 43:2).
Bemerkenswert ist, was der Herr nicht sagt. Er verspricht nicht, dass es kein Wasser und kein Feuer geben wird. Er verspricht seine Gegenwart mitten darin.
Vielleicht denken wir dabei an Israel am Roten Meer. Vor ihnen das Wasser, hinter ihnen das Heer des Pharao. Gott beseitigte das Meer nicht – er führte sein Volk hindurch. Oder an Schadrach, Meschach und Abed-Nego im Feuerofen. Der Herr bewahrte sie nicht vor dem Feuer, sondern im Feuer. Gerade dort erschien eine vierte Gestalt, die ihnen Gesellschaft leistete (Daniel 3).
Diese Zusage zieht sich durch alle Zeitalter. Auch Nephi musste das Meer überqueren, Alma und sein Volk mussten Bedrückung ertragen, Paulus erlitt Schiffbruch und Gefängnis. Gottes Kinder wurden nicht von jeder Schwierigkeit verschont. Aber sie erfuhren, dass der Herr ihre Prüfungen heiligen konnte.
Auch die Joseph-Smith-Übersetzung unterstreicht an mehreren Stellen des Alten Testaments, dass Gottes Bund immer auf Erlösung und Wiederherstellung ausgerichtet ist. Sie lenkt den Blick häufig stärker auf den Messias und macht deutlich, dass Gottes Verheißungen letztlich in Christus ihre Erfüllung finden. Gerade Jesajas Worte gewinnen dadurch zusätzliche Tiefe: Derjenige, der sagt: „Du bist mein“, ist derselbe Erlöser, der später seine Hände ausstrecken und für jeden Menschen bezahlen würde.
Wie leicht vergessen wir heute unsere eigentliche Identität. Unsere Gesellschaft misst Menschen häufig an Leistung, Erfolg, Einfluss oder äußerer Wirkung. Viele fragen sich unbewusst: Bin ich genug? Habe ich genügend erreicht? Bin ich wertvoll?
Jesaja beantwortet diese Fragen anders. Unser Wert entsteht nicht dadurch, was wir leisten. Er entsteht dadurch, wessen Kinder wir sind und welchen Bund Gott mit uns geschlossen hat.
Präsident Russell M. Nelson erinnert immer wieder daran, dass die wichtigste Identität eines Menschen die eines Kindes Gottes, eines Kindes des Bundes und eines Jüngers Jesu Christi ist. Alles andere verändert sich im Laufe des Lebens. Diese Identität bleibt bestehen.
Gerade deshalb folgt auf die Verheißung der Bewahrung eine weitere überraschende Aussage Gottes: „Ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.“ (Jesaja 43:25).
Wie tröstlich ist dieser Satz. Gott vergibt nicht widerwillig. Er löscht Schuld aus. Das hebräische Bild beschreibt das vollständige Auswischen einer Schrift von einer Tafel. Was der Herr vergibt, muss uns nicht dauerhaft definieren.
Vielleicht fällt uns das Vergeben Gottes manchmal leichter zu glauben als das Annehmen seiner Vergebung. Wir erinnern uns an frühere Fehler, längst bekannte Schwächen oder Entscheidungen, die wir gerne rückgängig machen würden. Doch der Herr lädt uns ein, seine Sichtweise zu übernehmen. Wenn Christus bezahlt hat, brauchen wir nicht weiter an Schulden festzuhalten, die bereits beglichen wurden.
Im nächsten Kapitel richtet Jesaja den Blick auf den Gegensatz zwischen lebendigem Glauben und Götzendienst. Mit feiner Ironie beschreibt er einen Handwerker, der aus demselben Holz zuerst sein Feuer macht und aus dem Rest einen Gott schnitzt, vor dem er sich anschließend niederwirft (Jesaja 44:15-19). Das Bild wirkt beinahe humorvoll – und gerade deshalb so eindringlich.
Die meisten Menschen bauen heute keine geschnitzten Götzen mehr. Doch Götzendienst kann viele Formen annehmen. Alles, worauf wir letztlich unser Vertrauen setzen statt auf Gott, kann zu einem Götzen werden: Karriere, Besitz, Anerkennung, Sicherheit oder sogar die eigene Kontrolle über das Leben.
Jesaja stellt diesen selbstgemachten Sicherheiten den lebendigen Gott gegenüber. Nur er kennt Anfang und Ende. Nur er kann Zukunft verheißen. Nur er kann erlösen.
Unmittelbar danach verheißt der Herr etwas Großartiges: „Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre; ich will meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen.“ (Jesaja 44:3).
Wasser wird erneut zum Bild göttlichen Lebens. Der Geist Gottes ist keine seltene Ausnahme für wenige Auserwählte. Er ist eine Gabe für alle, die sich dem Herrn zuwenden.
Henry B. Eyring hat oft davon berichtet, wie wichtig es geworden ist, täglich Gottes Hand im eigenen Leben wahrzunehmen. Er erzählte, dass sein Vater ihm den Rat gab, jeden Abend aufzuschreiben, wie Gott ihn an diesem Tag gesegnet habe. Anfangs schien es schwierig. Doch je länger er danach suchte, desto deutlicher erkannte er, wie oft der Herr bereits gehandelt hatte. Diese einfache Gewohnheit veränderte seinen Blick auf das Leben nachhaltig. (O denkt daran, denkt daran).
Ähnliche Erfahrungen berichten Mitglieder der Kirche Jesu Christi aus aller Welt in der Rubrik „Stimmen von Heiligen der Letzten Tage“ im Liahona. Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen erzählen, wie kleine Eindrücke des Heiligen Geistes sie durch Krankheit, Einsamkeit, wirtschaftliche Unsicherheit oder schwierige Familienverhältnisse getragen haben. Nicht spektakuläre Wunder stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die leise Gewissheit, dass Gott sie kennt und begleitet. Gerade diese weltweiten Zeugnisse machen deutlich, dass Jesajas Verheißung bis heute lebendig ist.
Vielleicht besteht die wichtigste Einladung dieser Kapitel darin, Gottes Stimme wieder persönlich zu hören. Oft lesen wir die Schrift und denken dabei an andere Menschen. Jesaja lädt uns ein, den eigenen Namen einzusetzen:
„Fürchte dich nicht ... ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“
Was würde sich verändern, wenn wir diese Worte heute tatsächlich auf uns beziehen würden? Vielleicht würden wir manches Gebet mit größerem Vertrauen sprechen. Vielleicht müssten wir uns weniger über die Meinung anderer definieren. Vielleicht könnten wir leichter vergeben – uns selbst und anderen.
Der Bund mit Christus schenkt uns eine Identität, die keine Enttäuschung zerstören kann. Feuer und Wasser mögen kommen. Schwierigkeiten gehören zum Erdenleben. Doch sie können den Menschen nicht vernichten, der weiß, wem er gehört.
Ich bin dankbar für diese Verheißung Jesajas. Es gibt Tage, an denen ich meine eigenen Grenzen deutlicher sehe als Gottes Möglichkeiten. Gerade dann berühren mich diese Worte neu. Der Herr kennt meinen Namen. Er kennt auch die Wege, die noch vor mir liegen. Seine Liebe hängt nicht davon ab, wie vollkommen ich bin, sondern davon, dass er der vollkommene Erlöser ist. Diese Gewissheit schenkt Frieden – und sie gibt mir den Mut, den nächsten Schritt im Glauben zu gehen.



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