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In der Zisterne

Autorenbild: manfred.lobstein
manfred.lobstein
vor 22 Stunden
6 Min. Lesezeit

„Da ließen sie Jeremia festnehmen und ihn in die Zisterne des Königssohnes (= Prinzen) Malkija werfen, die sich im Wachthof befand; in diese ließen sie Jeremia an Stricken hinab. In der Zisterne war aber kein Wasser, sondern nur Schlamm, in welchen Jeremia einsank.“ (Jeremia 38:6) 

Jeremia 37 und 38 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man nicht mehr tiefer sinken möchte. Jeremia kennt einen solchen Augenblick. Er hat nicht deshalb gelitten, weil er sich von Gott entfernt hatte. Im Gegenteil: Er hatte das Wort des Herrn verkündigt, obwohl niemand es hören wollte. Er hatte gesagt, was Gott ihm aufgetragen hatte, obwohl seine Botschaft unbequem war. Und nun wird gerade dieser treue Prophet bestraft. 

Zuerst wird er beschuldigt und eingesperrt. Dann wird er geschlagen. Schließlich lassen ihn seine Gegner in eine Zisterne hinab. Dort gibt es kein Wasser, sondern Schlamm. Jeremia sinkt hinein. 

Es ist ein bedrückendes Bild. Und vielleicht kennen wir solche Zisternen, auch wenn sie heute anders aussehen. Manchmal ist es eine Krankheit, die unser Leben plötzlich verändert. Manchmal der Verlust eines Menschen, eine zerbrochene Beziehung, eine berufliche oder finanzielle Krise. Manchmal ist es auch eine tiefe seelische Erschöpfung, bei der selbst Dinge, die uns früher Freude gemacht haben, ihre Farbe verlieren. 

Das Bemerkenswerte an Jeremias Geschichte ist: Gott verhindert nicht, dass Jeremia in die Zisterne geworfen wird. 

Der Herr hätte seine Feinde aufhalten können. Er hätte den König bewegen können, ihn zu schützen. Er hätte die Zisterne leer machen können. Aber nichts davon geschieht. 

Stattdessen geschieht etwas anderes. 

Ein Mensch namens Ebed-Melech hört, was mit Jeremia geschehen ist. Er geht zum König und setzt sich für den Propheten ein. Dann nimmt er Männer, Seile und alte Kleidungsstücke. Er lässt diese Stoffstücke zu Jeremia hinab, damit die Seile ihn beim Herausziehen nicht verletzen. Schließlich wird Jeremia aus dem Schlamm gezogen. 

Ich finde dieses Detail besonders berührend. Gott rettet Jeremia nicht durch ein spektakuläres Wunder. Er schickt ihm einen Menschen. 

Vielleicht liegt darin eine Wahrheit, die wir leicht übersehen. Gottes Antwort auf unser Leid besteht nicht immer darin, dass er die Zisterne sofort verschwinden lässt. Manchmal besteht seine Antwort darin, dass er uns in der Zisterne nicht allein lässt. 

Doch gerade an dieser Stelle lohnt sich ein Blick über das Buch Jeremia hinaus. Denn während Jeremia in Jerusalem wirkt, lebt dort zur selben Zeit ein anderer Prophet: Lehi. 

Das Buch Mormon gibt uns einen bemerkenswerten zeitlichen Hinweis. Nephi schreibt, dass dies im ersten Jahr der Regierung Zidkijas geschah. In Jerusalem traten damals viele Propheten auf und verkündeten, das Volk müsse umkehren, sonst werde Jerusalem zerstört werden. Auch Lehi betete für sein Volk, empfing eine Vision und begann anschließend, genau diese Warnung zu verkündigen. 

Damit stehen Jeremia und Lehi plötzlich nebeneinander. 

Zwei Propheten. Eine Stadt. Eine Zeit. Eine Warnung. 

Beide sprechen von der kommenden Zerstörung Jerusalems. Beide erleben Ablehnung. Beide stehen einer Gesellschaft gegenüber, die ihre Botschaft nicht hören will. 

Und doch führt Gott sie auf unterschiedliche Wege. 

Jeremia bleibt. 

Lehi geht. 

Das ist für mich eine der eindrucksvollsten Wahrheiten dieser Geschichte. 

Lehi wird vom Herrn angewiesen, Jerusalem mit seiner Familie zu verlassen. Er nimmt seine Familie und zieht in die Wildnis. Der Herr führt ihn aus der Stadt hinaus, bevor das angekündigte Gericht hereinbricht. 

Jeremia dagegen bleibt in Jerusalem. Er wird eingesperrt, geschlagen und schließlich in die Zisterne geworfen. Später erlebt er sogar den Untergang der Stadt, vor dem er so lange gewarnt hatte. 

Warum wird der eine herausgeführt und der andere zurückgelassen? 

Ich glaube, wir sollten hier vorsichtig sein. Die Geschichte sagt nicht, dass Lehi „mehr Glauben“ hatte als Jeremia oder dass Jeremia irgendeinen Fehler gemacht hätte, weil er blieb. Im Gegenteil: Beide gehorchten Gott. 

Und genau darin liegt vielleicht die tiefere Lektion: 

Gehorsam bedeutet nicht immer, dass Gott uns denselben Weg führt wie jemand anderen. 

Manchmal sagt der Herr: Geh. 

Manchmal sagt er: Bleib. 

Manchmal führt er uns aus einer schwierigen Situation heraus. Und manchmal gibt er uns Kraft, mitten in dieser Situation auszuharren. 

Lehi konnte vielleicht auf den Aufbruch zurückblicken und sagen: Der Herr hat uns bewahrt, indem er uns aus Jerusalem herausführte. Jeremia konnte dagegen nicht auf dieselbe Weise gerettet werden. Seine Berufung bestand darin, in Jerusalem Zeugnis zu geben, solange Gott es von ihm verlangte. 

Das bedeutet auch: Wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Wege anderer Menschen beurteilen. Wenn jemand eine schwere Situation verlässt, bedeutet das nicht automatisch, dass er weniger ausharrt. Wenn jemand bleibt, bedeutet es nicht automatisch, dass ihm der Glaube fehlt, weil er nicht „rechtzeitig“ gegangen ist. 

Gott kennt die Berufung jedes Einzelnen. 

Und manchmal ist es genau diese Erkenntnis, die wir brauchen, wenn wir selbst leiden. Wir fragen: Warum nimmt Gott mich nicht hier heraus? Warum muss ich noch bleiben? Warum bekommt jemand anderes eine Lösung, während ich noch in meiner Zisterne sitze? 

Jeremias Geschichte gibt darauf keine einfache Antwort. 

Aber sie gibt uns eine Zusage: Du bist auch dort nicht vergessen. 

Elder Jeffrey R. Holland hat in seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ über psychische und emotionale Leiden gesprochen. Er erinnert daran, dass solche Leiden zu den Realitäten des irdischen Lebens gehören und dass wir uns ihrer nicht schämen müssen. Gleichzeitig ruft er zu Mitgefühl und Hoffnung auf. 

Diese Gedanken passen erstaunlich gut zu Jeremia. 

Jeremia ist kein schwacher Prophet, weil er leidet. 

Seine Zisterne ist kein Beweis dafür, dass Gott ihn verlassen hat. 

Seine Erschöpfung bedeutet nicht, dass sein Glaube wertlos geworden ist. 

Und ebenso wenig müssen wir unser eigenes Leiden als Beweis dafür betrachten, dass Gott uns vergessen hätte. 

Vielleicht wünschen wir uns manchmal eine Antwort wie bei Lehi: „Verlasse diese Stadt. Geh hinaus. Ich werde dich an einen anderen Ort führen.“ 

Und manchmal schenkt Gott tatsächlich genau diese Antwort. Er öffnet eine Tür. Er führt uns aus einer Situation heraus. Er verändert Umstände. Er schenkt eine neue Aufgabe, einen neuen Ort, einen neuen Anfang. 

Aber manchmal lautet seine Antwort eher: „Ich bin mit dir hier.“ 

Dann ist unsere Geschichte mehr die von Jeremia. 

Und vielleicht ist das schwerer zu verstehen. 

Denn wir möchten gerne, dass Glaube bedeutet, dass die Zisterne gar nicht erst entsteht. Doch manchmal besteht Glaube darin, mitten im Schlamm weiterhin nach oben zu schauen. 

Das Buch Mormon zeigt uns sogar, dass auch Lehis Weg keineswegs ein bequemer Weg war. Jerusalem zu verlassen bedeutete nicht, dass alle Schwierigkeiten vorbei waren. Die Familie ließ Besitz zurück und zog in die Wildnis. Später folgten Hunger, Konflikte, Auflehnung und weitere Bedrängnisse. Lehis Rettung war nicht der Beginn eines problemlosen Lebens. 

Das ist wichtig. 

Aus Jerusalem herausgeführt zu werden bedeutet nicht, von allem Leid befreit zu sein. 

Und in der Zisterne zu bleiben bedeutet nicht, von Gott verlassen zu sein. 

Beide Wege können Wege des Glaubens sein. 

Vielleicht liegt darin auch eine praktische Frage für uns. Wenn wir in einer schweren Situation sind, sollten wir nicht nur darum beten: „Herr, nimm mich hier heraus.“ Wir dürfen auch fragen: „Herr, was möchtest du, dass ich hier tue?“ 

Vielleicht lautet die Antwort: Geh. 

Dann dürfen wir gehen. 

Vielleicht lautet sie: Bleib. 

Dann dürfen wir bleiben. 

Vielleicht lautet sie: Warte. 

Dann dürfen wir warten. 

Und vielleicht schickt Gott uns dabei einen Ebed-Melech – einen Menschen, der uns nicht alle Probleme abnimmt, aber uns hilft, nicht im Schlamm unterzugehen. 

Ebed-Melech wusste nicht, wie Jeremias Geschichte enden würde. Er wusste nur, dass dort unten ein Mensch war, der Hilfe brauchte. Er hielt keine lange Predigt. Er erklärte Jeremia nicht, warum Gott dies zugelassen hatte. Er handelte. 

Auch wir können solche Menschen sein. 

Ein Anruf. Ein Besuch. Eine Mahlzeit. Ein Zuhören. Ein Gebet. Ein gemeinsamer Gang durch eine schwere Zeit. Manchmal ist das Seil, das Gott einem Menschen hinabreicht, unsere eigene Hand. 

Und dann ist da Christus. 

Er ist größer als Jeremia und Lehi. Er kennt sowohl den Weg des Bleibens als auch den Weg des Leidens. Er kennt die Einsamkeit, die Angst und die scheinbare Abwesenheit einer Antwort. Und er hat nicht nur von unserem Leid gehört. Er hat es getragen. 

Deshalb können wir uns ihm anvertrauen, auch wenn wir nicht wissen, warum unsere Zisterne noch da ist. 

Vielleicht wird er uns herausziehen. 

Vielleicht wird er uns einen Menschen schicken, der uns herauszieht. 

Vielleicht wird er uns auffordern, aufzubrechen und einen neuen Weg zu gehen. 

Und vielleicht wird er uns sagen, dass wir noch bleiben sollen. 

Aber eines glaube ich: Wo immer der Herr uns hinführt, dort kann er uns begegnen. 

Lehi musste Jerusalem verlassen, um seine Familie zu bewahren. Jeremia musste Jerusalem nicht verlassen, um dem Herrn treu zu sein. Beide Wege führten durch Unsicherheit. Beide Wege verlangten Glauben. Beide Wege lagen in Gottes Hand. 

Und so können auch unsere Wege sehr verschieden sein. 

Vielleicht frage ich heute nicht mehr zuerst: „Warum ist mein Weg nicht wie der des anderen?“ 

Vielleicht frage ich: „Herr, welchen Weg hast du für mich?“ 

Denn Gottes Liebe zeigt sich nicht darin, dass er alle seine Kinder auf demselben Weg führt. Sie zeigt sich darin, dass kein Weg außerhalb seiner Reichweite liegt. 

Jeremia lag im Schlamm – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Lehi zog durch die Wildnis – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Und auch wenn unser Weg heute anders aussieht als der eines anderen Menschen, dürfen wir darauf vertrauen: Der Herr kennt den Weg. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er uns nicht verspricht, dass wir niemals in Zisternen geraten. Aber ich glaube, dass keine Zisterne zu tief und keine Wildnis zu weit für seine Gegenwart ist. Ich glaube, dass er manchmal Türen öffnet und uns hinausführt und manchmal neben uns bleibt, während wir durch etwas hindurchgehen, das wir uns niemals ausgesucht hätten. 

Und ich glaube, dass beides Rettung sein kann. 

Denn letztlich ist nicht entscheidend, ob mein Weg dem Weg Jeremias oder dem Weg Lehis gleicht. 

Entscheidend ist, ob ich dem Herrn auf meinem Weg vertraue.

 
 
 

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