Wenn die Erde erbebt – Gott bleibt derselbe


„Den Tod wird er auf ewig verschwinden lassen, die Tränen wird Gott der HErr von jedem Antlitz abwischen und die Schmach seines Volkes überall auf der Erde tilgen; denn der HErr hat es zugesagt.“ (Jesaja 25:8)
Wenn die Erde bebt, verändert sich innerhalb weniger Sekunden alles. Häuser, die jahrzehntelang sicher erschienen, liegen in Trümmern. Straßen reißen auf, vertraute Landschaften werden unkenntlich. Menschen verlieren Besitz, Heimat oder geliebte Angehörige. Was eben noch fest und unverrückbar schien, erweist sich plötzlich als zerbrechlich.
Vielleicht beschreibt dieses Bild nicht nur Naturkatastrophen. Auch unser persönliches Leben kennt Erdbeben. Eine Diagnose verändert alle Zukunftspläne. Eine Kündigung erschüttert die finanzielle Sicherheit. Eine Ehe zerbricht. Ein geliebter Mensch stirbt. Manchmal erschüttern weltweite Ereignisse unsere Gewissheiten: Kriege, politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit oder gesellschaftliche Veränderungen. Was gestern noch selbstverständlich war, scheint heute nicht mehr zu gelten.
Genau in eine solche Welt spricht Jesaja. Die Kapitel 24 bis 27 gehören zu den gewaltigsten Prophetien des Alten Testaments. Anders als viele frühere Kapitel richtet sich der Blick nun nicht mehr nur auf einzelne Völker. Jesaja sieht die ganze Erde. Er beschreibt Erschütterungen, Gericht und Umwälzungen von weltweitem Ausmaß. Berge beben, Städte werden verwüstet, menschlicher Stolz wird erniedrigt. Fast könnte man meinen, jede Hoffnung sei verloren.
Doch genau an diesem Punkt geschieht etwas Überraschendes.
Mitten in den Gerichtsankündigungen erhebt sich ein Lobgesang.
Jesaja beginnt nicht, die Katastrophen ausführlicher zu schildern. Stattdessen richtet er seinen Blick auf Gott. „HERR, du bist mein Gott; ich will dich erheben und deinen Namen preisen.“ (Jesaja 25:1).
Das ist bemerkenswert. Die Umstände haben sich noch nicht verändert. Das Gericht ist noch nicht vorbei. Die Welt ist weiterhin erschüttert. Und doch singt der Prophet bereits vom Sieg Gottes.
Vielleicht liegt genau hier eine der wichtigsten Lektionen unseres Glaubens.
Der Friede Gottes entsteht nicht erst dann, wenn alle Probleme verschwunden sind. Er beginnt dort, wo unser Vertrauen größer wird als unsere Angst.
Jesaja beschreibt Gott als Zuflucht für die Schwachen, als Schutz im Sturm und als Schatten in glühender Hitze (vgl. Jesaja 25:4). Dieses Bild erinnert unmittelbar an viele andere Schriftstellen. Der Herr verspricht seinem Bundesvolk nie ein Leben ohne Stürme. Er verheißt vielmehr, mitten im Sturm gegenwärtig zu sein.
Diese Wahrheit begegnet uns immer wieder in den heiligen Schriften. Als die Jünger auf dem See Genezareth von den Wellen überwältigt wurden, war Christus bereits im Boot. Während sie nur den Sturm sahen, schlief der Herr scheinbar ruhig. Erst als sie ihn weckten, sprach er die bekannten Worte: „Schweig, verstumme!“ (Markus 4:39). Zunächst veränderte Christus die Herzen seiner Jünger. Danach legte sich auch der Sturm.
Ähnlich erlebte Alma mit seinem Volk, dass Gott die Lasten nicht sofort wegnahm. Stattdessen machte er sie zunächst leicht genug, dadurch dass er sie stärkte, um sie tragen zu können (Mosia 24:14–15). Oft verändert der Herr zuerst den Menschen und erst später die Umstände.
Eine bewegende Bestätigung dafür finden wir auch in der heutigen Kirche.
Nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei und in Syrien im Februar 2023 waren unzählige Menschen innerhalb weniger Augenblicke obdachlos geworden. Mitglieder der Kirche gehörten ebenso zu den Betroffenen wie ihre Nachbarn. Noch bevor viele eigene Schäden vollständig überblicken konnten, begannen Mitglieder gemeinsam mit anderen Freiwilligen, Lebensmittel zu verteilen, Notunterkünfte einzurichten, Kleidung bereitzustellen und Trost zu spenden. Die humanitäre Hilfe der Kirche erreichte innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Regionen und wurde gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen organisiert. Inmitten zerstörter Städte entstanden Orte der Hoffnung, weil Menschen sich entschieden, christliche Nächstenliebe zu leben. "How the Church of Jesus Christ Is Helping Earthquake Victims in Türkiye and Syria"; "Elder Rasband Provides Update on Türkiye and Syria Earthquake Relief Efforts from Germany"
Die eigentliche Botschaft dieser Berichte besteht jedoch nicht nur in materieller Hilfe. Inmitten der Zerstörung wurde sichtbar, dass Hilfe weit mehr sein kann als die Versorgung mit dem Nötigsten. Menschen standen einander bei, trösteten, dienten und gaben Hoffnung weiter. Häuser konnten einstürzen und Lebenspläne zerbrechen – und doch konnte der Glaube an Gott und die Bereitschaft, dem Nächsten beizustehen, bestehen bleiben. Gerade in solchen Augenblicken zeigt sich, worauf ein Leben tatsächlich gegründet ist. "Church of Jesus Christ continues to provide relief in Türkiye with the launch of new projects"
Diese Erfahrung erinnert an Jesajas Worte: Nicht die Erde ist unser Fundament. Christus ist es.
Präsident Henry B. Eyring hat in vielen Ansprachen davon gesprochen, dass Gottes Frieden oft gerade in schweren Zeiten besonders deutlich spürbar wird. Er berichtet immer wieder davon, wie der Heilige Geist Trost schenkt, lange bevor alle Fragen beantwortet sind. Wer lernt, täglich Gottes Hand zu erkennen, entdeckt oft mitten in Schwierigkeiten Zeichen seiner Liebe. Dieser Friede erklärt sich nicht durch äußere Umstände, sondern durch die Gegenwart des Herrn.
Jesaja blickt jedoch noch weiter.
Er spricht nicht nur über Trost in diesem Leben. Er öffnet den Vorhang zur Ewigkeit.
Kaum eine Stelle des Alten Testaments kündigt die Auferstehung so eindrucksvoll an wie diese Kapitel.
„Er wird den Tod auf ewig verschlingen.“
Welch gewaltige Verheißung.
Der größte Feind der Menschheit ist nicht Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophe. Der größte Feind ist der Tod. Jeder Mensch begegnet ihm früher oder später. Jede Familie kennt Abschied, Trauer und Tränen.
Und genau diesen Feind besiegt Jesus Christus.
Jesaja beschreibt das Bild eines großen Festmahls, das Gott für alle Völker bereitet (Jesaja 25:6). In der antiken Welt bedeutete ein gemeinsames Mahl Annahme, Gemeinschaft und Freude. Jesaja sieht prophetisch den Tag, an dem alle, die Christus nachfolgen, endgültig nach Hause kommen. Keine Trennung mehr. Keine Krankheit mehr. Kein Tod mehr.
Diese Hoffnung wird durch die Wiederherstellung noch heller.
Elder Patrick Kearon spricht häufig davon, dass unser himmlischer Vater seine Kinder nicht aufgibt. Seine Botschaft von der Heimkehr macht deutlich, dass Umkehr weit mehr ist als das Beheben von Fehlern. Sie ist die Einladung eines liebenden Vaters an seine Kinder, nach Hause zurückzukehren. Gerade Menschen, deren Leben durch Schuld, Verlust oder Enttäuschung erschüttert wurde, entdecken durch Christus einen neuen Anfang.
Auch in den Ausgaben des Liahona finden sich immer wieder Berichte neuer Mitglieder aus aller Welt. Viele erzählen von zerbrochenen Beziehungen, Süchten, Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit. Die äußeren Lebensumstände änderten sich oft nicht sofort. Doch als sie begannen, Christus wirklich zu vertrauen, entstand eine neue innere Stabilität. Nicht weil ihr Leben einfacher wurde, sondern weil sie einen Felsen gefunden hatten, der nicht erschüttert werden kann.
Genau darauf möchte Jesaja unseren Blick lenken.
Wir verbringen oft viel Zeit damit, unser äußeres Leben abzusichern. Versicherungen, Ersparnisse, Gesundheitsvorsorge oder berufliche Planung sind sinnvoll. Dennoch können sie keine absolute Sicherheit geben. Früher oder später wird jede irdische Sicherheit ihre Grenzen erreichen.
Deshalb lädt Jesaja uns ein, tiefer zu bauen.
Jesus selbst griff diesen Gedanken später auf. Wer sein Haus auf den Felsen baut, erlebt dieselben Stürme wie alle anderen. Regen, Fluten und Winde treffen beide Häuser gleichermaßen. Der Unterschied liegt nicht im Wetter, sondern im Fundament das auf Christus, den Fels, gebaut ist (Matthäus 7:24–27).
Vielleicht fragen wir uns manchmal, warum Gott Erschütterungen überhaupt zulässt.
Eine vollständige Antwort kennen wir nicht.
Doch häufig entdecken wir rückblickend, dass gerade schwierige Zeiten unseren Glauben vertieft haben. Viele Menschen berichten, dass sie nie so intensiv gebetet haben wie in einer Krise. Nie war ihnen der Tempel kostbarer. Nie haben sie die heiligen Schriften aufmerksamer gelesen. Nie war Christus ihnen näher.
Manchmal bringt ein Erdbeben ans Licht, worauf unser Leben tatsächlich gebaut ist.
Jesaja endet nicht mit Verwüstung.
Er endet mit Hoffnung.
Der Herr wird herrschen.
Der Tod wird besiegt.
Die Tränen werden abgewischt.
Christus wird siegen.
Darum dürfen wir schon heute Frieden finden, obwohl die Welt noch immer bebt.
Ich bin von Herzen dankbar für dieses Zeugnis Jesajas. Gerade weil unsere Zeit von Unsicherheit geprägt ist, berühren mich seine Worte besonders. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr nicht jede Schwierigkeit sofort beseitigt, aber stets genügend Kraft schenkt, den nächsten Schritt zu gehen. Sein Friede hängt nicht von den Nachrichten oder meinen Lebensumständen ab. Er gründet sich auf den auferstandenen Erlöser. Weil Jesus Christus lebt, weiß ich, dass keine Erschütterung dieser Welt das letzte Wort haben wird. Er bleibt derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit. Davon gebe ich mit Freude Zeugnis.



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