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Wenn die Reiche dieser Welt fallen

Autorenbild: manfred.lobstein
manfred.lobstein
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

„Denn wenn der HErr der Heerscharen einen Plan gefaßt hat: wer will ihn vereiteln? und seine ausgestreckte Hand: — wer kann sie zurückbiegen?“ (Jesaja 14:27

Jesaja 13 und 14 

Es gibt Zeiten, in denen es scheint, als würden manche Mächte für immer bestehen. Reiche wachsen, Wirtschaftssysteme wirken unerschütterlich, Ideologien gewinnen Einfluss, und Menschen bauen ihr Vertrauen auf das, was sichtbar, stark und erfolgreich erscheint. Wer mitten in einer solchen Zeit lebt, kann sich kaum vorstellen, dass all dies eines Tages verschwunden sein wird. 

Genau in eine solche Situation hinein spricht Jesaja. Babylon war noch gar nicht zur beherrschenden Weltmacht geworden, und doch sieht der Prophet bereits ihr Ende. Das ist typisch für Propheten: Sie betrachten Geschichte nicht aus der Perspektive des Augenblicks, sondern aus Gottes Sicht. Was Menschen für unerschütterlich halten, ist vor ihm bereits entschieden. 

Das Leitwort des diesjährigen Komm und folge mir nach-Abschnitts lautet „Wunderbar und wundersam“. Auf den ersten Blick scheint das merkwürdig zu sein. Was ist an Gerichtsankündigungen wunderbar? Doch gerade darin liegt ein wichtiger Gedanke: Gottes Wunder bestehen nicht nur darin, Kranke zu heilen oder Meere zu teilen. Sie zeigen sich auch darin, dass seine Verheißungen zuverlässig eintreffen. Er lenkt die Geschichte. Nichts entgleitet seiner Hand. 

Scripture Central weist darauf hin, dass Babylon in Jesaja weit mehr ist als nur eine historische Stadt. Babylon wird zum Sinnbild aller menschlichen Systeme, die sich gegen Gott erheben. Diese symbolische Bedeutung wird besonders deutlich im Buch Mormon. Nephi übernimmt Jesajas Worte nahezu vollständig und macht zugleich deutlich, dass ihre endgültige Erfüllung noch aussteht. 

In 2. Nephi 23 wird ausdrücklich erklärt, dass die Zerstörung Babylons ein Sinnbild für das Gericht beim Zweiten Kommen Christi ist. Was damals über ein Weltreich ausgesprochen wurde, weist zugleich auf das endgültige Ende der Welt hin, die sich gegen Gott erhebt. Babylon steht deshalb nicht nur für eine antike Hauptstadt, sondern für Stolz, Selbstvertrauen ohne Gott und jede Form menschlicher Macht, die den Schöpfer verdrängen möchte. 

Diese doppelte Bedeutung begegnet uns häufig bei Jesaja. Seine Prophezeiungen besitzen eine unmittelbare historische Erfüllung und zugleich eine weit größere geistliche Dimension. Vielleicht erklärt gerade das, warum kaum ein anderer Prophet die heiligen Schriften so nachhaltig geprägt hat. Nephi und andere Propheten des Buches Mormon zitieren ihn ausführlich. Auch der Erretter selbst griff in seinem irdischen Wirken immer wieder auf Jesajas Worte zurück, und die Apostel des Neuen Testaments taten es ebenso. Sie alle erkannten, dass seine Botschaften nicht nur für Juda bestimmt waren, sondern den Messias, die Sammlung Israels und Gottes Handeln bis in die letzten Tage hinein bezeugen. 

Auffallend ist, dass Jesaja Babylon nicht wegen seiner militärischen Stärke verurteilt, sondern wegen seines Hochmuts. Immer wieder zeigt die Heilige Schrift, dass Stolz der eigentliche Anfang des Falls ist. 

Besonders eindrucksvoll wird dies in Kapitel 14. Dort beschreibt Jesaja den Sturz dessen, der in der Menge-Übersetzung als „Glanzgestirn“ bezeichnet wird und in der christlichen Überlieferung mit Luzifer in Verbindung gebracht wird. „Ich will zum Himmel emporsteigen … ich will dem Allerhöchsten gleich sein.“ (Jesaja 14:13–14

Unabhängig davon, wie man einzelne Auslegungsfragen beurteilt, bleibt die geistliche Botschaft eindeutig: Stolz führt immer weg von Gott. Wer sich selbst erhöhen will, verliert am Ende gerade das, woran er sich festhalten wollte. 

Das ist nicht nur die Geschichte Satans. Es ist die Geschichte Babylons. Und es kann auch unsere Geschichte werden. 

Denn Babylon beginnt selten mit offener Gottlosigkeit. Viel häufiger beginnt es mit kleinen Verschiebungen des Vertrauens. Wir verlassen uns immer mehr auf unsere Fähigkeiten, unsere Sicherheiten, unsere Erfahrungen oder unseren Besitz. Unmerklich wird daraus ein Leben, das Gott zwar nicht ausdrücklich ablehnt, ihn aber auch nicht mehr wirklich braucht. 

Jesaja stellt deshalb eine unbequeme Frage: Worauf bauen wir eigentlich unser Leben? 

Viele Sicherheiten sind durchaus gut. Familie, Arbeit, Bildung, Gesundheit oder finanzielle Vorsorge sind Segnungen Gottes. Doch sie dürfen niemals zu unserem eigentlichen Fundament werden. 

Vielleicht besteht unser persönliches Babylon aus dem Wunsch nach Kontrolle. Vielleicht glauben wir, alles müsse planbar sein. Vielleicht definieren wir unseren Wert über beruflichen Erfolg, über Anerkennung oder über Besitz. Vielleicht verlassen wir uns auf politische Stabilität oder gesellschaftliche Entwicklungen. 

Jesaja erinnert uns daran, dass all diese Dinge vergänglich sind. 

Nur Gottes Reich bleibt bestehen. 

Gerade deshalb endet Jesaja 14 nicht in Hoffnungslosigkeit. Nachdem Babylon gefallen ist, richtet sich der Blick auf Israel. Gott hat sein Bundesvolk nicht vergessen. Er sammelt es wieder. Er schenkt ihm Ruhe. 

Diese Hoffnung wird im Buch Mormon noch deutlicher. 2. Nephi 24 verbindet den Sturz Babylons unmittelbar mit der Sammlung Israels und der Ruhe des Millenniums. Während Babylon fällt, richtet Christus sein Friedensreich auf. Gericht und Erlösung gehören zusammen. Gott zerstört nicht, um zu vernichten, sondern um Platz für etwas Größeres zu schaffen. 

Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Heilsgeschichte. 

Nach der Sintflut begann Gott neu mit Noah. 

Nach dem Auszug aus Ägypten entstand ein Bundesvolk. 

Nach der Kreuzigung folgte die Auferstehung. 

Nach jedem geistlichen Winter bereitet Gott einen neuen Frühling vor. 

Dasselbe gilt auch für unser persönliches Leben. Manchmal lässt Gott Sicherheiten zerbrechen, damit wir lernen, uns wieder auf ihn zu verlassen. Was zunächst wie Verlust aussieht, wird später oft zum Beginn einer tieferen Beziehung zu Christus. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in der neueren Geschichte der Kirche nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa. Jahrzehntelang schien es, als würden die politischen Grenzen auch dem Werk Gottes enge Grenzen setzen. Die Kirche bestand zwar weiter, doch Missionsarbeit, Reisen und der Austausch mit der Weltkirche waren stark eingeschränkt. Viele konnten sich kaum vorstellen, dass sich diese Verhältnisse jemals grundlegend ändern würden. Als jedoch der Kommunismus zusammenbrach, öffneten sich innerhalb kurzer Zeit Türen, die zuvor verschlossen gewesen waren. Missionare konnten wieder freier dienen, Gemeinden und Pfähle wuchsen, Tempel wurden leichter erreichbar, und das Werk des Herrn breitete sich in ganz Mittel- und Osteuropa auf neue Weise aus. Was Menschen für dauerhaft gehalten hatten, war vergangen – Gottes Werk aber ging weiter. Eine eindrucksvolle Schilderung dieser Ereignisse bietet “Heilige, Band 4 Kapitel 5: Keine Macht der Welt”. 

Präsident Dallin H. Oaks hat mehrfach betont, dass Jünger Christi ihre Hoffnung niemals auf vergängliche weltliche Sicherheiten setzen dürfen, sondern auf den ewigen Plan Gottes. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie zerbrechlich selbst die kostbarsten irdischen Segnungen sein können. Nach dem Tod seiner ersten Frau June bezeugte er immer wieder die Hoffnung, die das Sühnopfer Jesu Christi und der Plan der Erlösung schenken. Gerade persönliche Verluste lehren uns oft, was wirklich Bestand hat. Hierüber spricht Präsident Oaks beispielsweise in seiner Ansprache in der Herbst-Generalkonferenz 2019 “Vertrauen Sie auf den Herrn!” 

Vielleicht erleben wir heute keine zusammenbrechenden Weltreiche. Aber wir erleben immer wieder, wie Pläne scheitern, Sicherheiten schwinden und scheinbar feste Fundamente ins Wanken geraten. 

Dann erinnert uns Jesaja daran, dass Gottes Hand immer noch ausgestreckt ist. 

Nicht Babylon bestimmt den Ausgang der Geschichte. 

Nicht die Schlagzeilen. 

Nicht wirtschaftliche Entwicklungen. 

Nicht menschliche Macht. 

Christus ist der Herr der Geschichte. 

Christus ist der Herr der Geschichte. Deshalb muss unser Friede nicht davon abhängen, ob die Welt gerade ruhig oder unruhig ist. Der Erretter verheißt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch.“ (Johannes 14:27.) Babylon kann scheinbare Sicherheit anbieten – Christus aber schenkt einen Frieden, der selbst dann bestehen bleibt, wenn die Reiche dieser Welt ins Wanken geraten. 

Je mehr wir unser Vertrauen auf ihn setzen, desto weniger müssen wir fürchten, wenn die Reiche dieser Welt ins Wanken geraten. 

Ich empfinde diesen Gedanken gerade heute als tröstlich. Die Nachrichten wechseln beinahe täglich. Krisen folgen auf Krisen, und vieles wirkt unsicher. Doch Jesaja hebt meinen Blick über den Augenblick hinaus. Er erinnert mich daran, dass Gott niemals überrascht wird. Er kennt das Ende von Anfang an. Seine Verheißungen sind beständiger als jedes Weltreich. Deshalb möchte ich mein Leben immer wieder neu auf Christus gründen – auf den einzigen König, dessen Reich niemals untergeht.

 
 
 

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