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Wenn Gott verborgen wirkt

  • Autorenbild: manfred.lobstein
    manfred.lobstein
  • vor 8 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

Da „gewann der König sie lieber als alle anderen Frauen, und sie erlangte seine Gunst und Zuneigung in höherem Grade als alle übrigen Jungfrauen, so daß er ihr die Königskrone aufs Haupt setzte und sie zur Königin an Wasthi’s Stelle erhob.” (Ester 2:17

Ester 1 und 2 

Einleitung: Eine Königin für eine verborgene Aufgabe 

Das Buch Ester gehört zu den bemerkenswertesten Büchern der Heiligen Schrift. Es spielt im Persischen Reich während des 5. Jahrhunderts v. Chr., etwa zwischen 483 und 473 v. Chr., also in der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft. Viele Juden waren bereits nach Jerusalem zurückgekehrt, doch zahlreiche Familien lebten weiterhin verstreut im riesigen Perserreich. 

Im Mittelpunkt steht eine junge jüdische Frau namens Ester, die als Waise von ihrem Cousin Mordechai erzogen wurde. Durch eine Reihe außergewöhnlicher Ereignisse gelangt sie an den Hof des persischen Königs Ahasverus (auch Ahasuerus). In einigen modernen Bibelübersetzungen, darunter der Einheitsübersetzung, wird dieser König mit Artaxerxes wiedergegeben. Historisch zutreffend ist jedoch die Bezeichnung Ahasverus bzw. Ahasuerus, wie sie beispielsweise in der King-James-Bibel, der Joseph Smith Translation sowie in der Hermann-Menge-Bibel verwendet wird. 

Das Buch Ester verfolgt eine besondere Absicht: Es zeigt, wie Gott sein Bundesvolk bewahrt, selbst dann, wenn seine Gegenwart scheinbar verborgen bleibt. Bemerkenswert ist, dass Gott im gesamten Buch kein einziges Mal ausdrücklich erwähnt wird. Es gibt keine Propheten, keine Visionen und keine spektakulären Wunder. Und doch begegnen wir auf jeder Seite seinem Wirken. 

Gerade deshalb spricht Ester oft besonders zu Menschen unserer Zeit. Viele von uns erleben keine dramatischen Wunder. Wir beten, warten, hoffen und versuchen, dem Herrn treu zu bleiben, während die Umstände des Lebens ihren gewöhnlichen Lauf nehmen. Das Buch Ester erinnert uns daran, dass Gott auch dann handelt, wenn wir seine Hand noch nicht erkennen können. 

Wenn Zufälle plötzlich Bedeutung bekommen 

Die Geschichte beginnt mit einem großen Fest am persischen Königshof. König Ahasverus demonstriert seinen Reichtum, seine Macht und seinen Einfluss vor den führenden Männern seines Reiches. Während eines Festmahls fordert er Königin Waschthi auf, vor den Gästen zu erscheinen. Als sie sich weigert, wird sie ihrer königlichen Stellung enthoben. 

Auf den ersten Blick erscheint dies wie eine politische Episode, die wenig mit Gottes Plan zu tun hat. Ein königlicher Streit. Eine impulsive Entscheidung. Hofintrigen. Nichts deutet darauf hin, dass hier Heilsgeschichte geschrieben wird. 

Doch gerade an diesem Punkt beginnt Gott bereits zu handeln. 

Denn die Absetzung Waschthis schafft eine freie Stelle auf dem Thron Persiens. Noch weiß niemand, warum das wichtig werden wird. Noch ahnt niemand, welche Krise das jüdische Volk einige Jahre später bedrohen wird. Aber Gott weiß es bereits. 

Wie oft erleben wir Ähnliches im eigenen Leben? 

Eine Begegnung, die zufällig erscheint. Eine Arbeitsstelle, die sich unerwartet öffnet. Ein Umzug, den wir zunächst nicht verstehen. Eine Enttäuschung, die uns aus gewohnten Bahnen herausführt. 

Während wir nur den gegenwärtigen Augenblick sehen, kennt Gott bereits die Herausforderungen der Zukunft. 

Manchmal bereitet er Antworten vor, lange bevor wir die Fragen kennen. 

Eine junge Frau im Hintergrund 

Unter den vielen jungen Frauen, die an den königlichen Hof gebracht werden, befindet sich auch Ester. 

Nichts an ihrer Geschichte wirkt außergewöhnlich. Sie besitzt keine politische Macht. Sie stammt nicht aus einer bedeutenden Familie. Sie gehört zu einem Volk, das als Minderheit im Persischen Reich lebt. 

Doch Gott arbeitet oft mit Menschen, die von der Welt übersehen werden. 

Der Herr erwählte einst den jungen Hirten David, während seine älteren Brüder stärker und erfahrener erschienen. Er berief den jungen Joseph, obwohl dieser als Sklave nach Ägypten verkauft wurde. Er führte den jungen Nephi, obwohl dieser weder König noch Heerführer war. 

So handelt Gott auch bei Ester. 

Während die Aufmerksamkeit des Reiches auf Paläste, Beamte und Machtkämpfe gerichtet ist, bereitet der Herr eine junge Frau auf eine Aufgabe vor, die noch niemand erkennen kann. 

Ester gewinnt die Gunst ihrer Umgebung und schließlich die des Königs. Sie wird zur Königin gekrönt. 

Für viele Beobachter wäre dies lediglich eine bemerkenswerte persönliche Erfolgsgeschichte gewesen. 

Doch im Himmel sah die Situation anders aus. 

Gott bereitete bereits die Rettung seines Volkes vor. 

Gottes Hand im Rückspiegel 

Eine der großen Lektionen des Buches Ester besteht darin, dass Gottes Führung häufig erst rückblickend sichtbar wird. 

Joseph erkannte dies am Ende seines Lebens. Als seine Brüder vor ihm standen, konnte er sagen: 

„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen“ (Genesis 50:20). 

Jahrzehnte zuvor hatte Joseph weder die Grube noch die Sklaverei noch das Gefängnis verstanden. Damals sah alles nach Chaos aus. 

Erst im Rückblick erkannte er die Muster göttlicher Führung. 

Ähnlich erging es Nephi. Als seine Familie Jerusalem verließ, wusste niemand, welche Prüfungen bevorstanden. Doch rückblickend wurde deutlich, dass Gott jeden Schritt vorbereitet hatte. 

Dasselbe Muster finden wir in der Geschichte der Heiligen der Letzten Tage. Als die frühen Heiligen aus New York nach Ohio, später nach Missouri, Illinois und schließlich in den Westen zogen, erschienen viele Entwicklungen zunächst wie Katastrophen. Doch im Rückblick wurde sichtbar, wie der Herr sein Volk Schritt für Schritt führte. 

Wer sich näher mit diesen Ereignissen beschäftigen möchte, findet wertvolle historische Berichte auf der offiziellen Seite der Kirche: Kirchengeschichte der Heiligen der Letzten Tage 

Auch die Geschichte der Pioniere zeigt eindrucksvoll, wie Gott oft lange vor einer Krise Vorsorge trifft: Pioneers in Every Land; Themen im Zusammenhang mit der Geschichte der Kirche

Vertrauen lernen, bevor wir verstehen 

Vielleicht liegt die wichtigste geistliche Botschaft dieser ersten Kapitel darin, Gott zu vertrauen, bevor wir seinen Plan erkennen. 

Wir leben häufig mit unbeantworteten Fragen. 

Warum hat sich eine bestimmte Tür geschlossen? 

Warum kam diese Prüfung gerade jetzt? 

Warum führt mich der Herr auf einen Weg, den ich mir niemals ausgesucht hätte? 

Ester wusste nicht, warum sie Königin wurde. 

Mordechai wusste nicht, warum seine Cousine an den Hof gelangte. 

Selbst die Gegner Israels wussten nicht, dass ihre späteren Pläne bereits durchkreuzt wurden, bevor sie überhaupt entstanden. 

Der Herr sieht Anfang und Ende zugleich. 

Wir sehen meist nur den nächsten Schritt. 

Deshalb besteht Glauben oft nicht darin, Gottes Plan zu verstehen, sondern ihm zu vertrauen. 

Vielleicht erkennst du heute nicht, warum bestimmte Ereignisse in deinem Leben geschehen sind. Vielleicht erscheinen manche Erfahrungen zufällig oder sogar sinnlos. 

Das Buch Ester lädt uns ein, einen größeren Blick einzunehmen. 

Der Gott, der Ester vorbereitete, arbeitet auch heute noch auf dieselbe Weise. 

Er ist nicht weniger gegenwärtig, nur weil er verborgen wirkt. 

Er ist nicht weniger aktiv, nur weil wir seine Hand noch nicht erkennen. 

Und manchmal werden wir erst Jahre später verstehen, warum bestimmte Türen geöffnet oder geschlossen wurden. 

Persönliches Zeugnis 

Ich habe in meinem eigenen Leben immer wieder erfahren, dass Gottes Führung häufig erst im Rückblick deutlich wird. Manche Wege erschienen zunächst unverständlich. Manche Umstände wirkten wie Zufälle oder sogar wie Hindernisse. Doch später konnte ich erkennen, dass der Herr bereits Vorsorge getroffen hatte, lange bevor ich seine Absichten verstand. 

Das Buch Ester stärkt meinen Glauben daran, dass Gott auch dann handelt, wenn sein Wirken verborgen bleibt. Ich glaube, dass er unsere Wege kennt, unsere Zukunft sieht und seine Kinder mit vollkommener Weisheit führt. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt und dass der Vater im Himmel oft im Stillen wirkt, lange bevor wir seine Hand erkennen. Und ich bezeuge, dass wir ihm vertrauen dürfen, selbst wenn wir heute noch nicht verstehen, was wir eines Tages klar sehen werden.

 
 
 

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