Hier bin ich, sende mich


„Darauf hörte ich die Stimme des Allherrn sagen: „Wen soll ich senden, und wer wird unser Bote sein?” Ich antwortete: „Hier bin ich, sende mich!”” (Jesaja 6:8)
Es gibt Augenblicke im Leben, die alles verändern. Manchmal dauern sie nur wenige Sekunden. Ein Gedanke. Ein Gebet. Eine Begegnung. Ein Eindruck des Heiligen Geistes. Hinterher ist nichts mehr wie zuvor.
Jesaja beschreibt einen solchen Augenblick. Mitten in einer Zeit politischer Unsicherheit und persönlicher Erschütterung – „im Todesjahr des Königs Usija“ – öffnet sich plötzlich der Himmel. Der Prophet sieht den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen. Der Saum seines Gewandes erfüllt den Tempel. Seraphim stehen vor ihm und rufen unaufhörlich:
„Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen; die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!“ (Jesaja 6:3).
Diese wenigen Worte gehören zu den gewaltigsten Bildern der gesamten Heiligen Schrift. Sie beschreiben nicht nur Gottes Macht, sondern vor allem seine vollkommene Heiligkeit. Im Hebräischen wird eine Wiederholung zur Verstärkung benutzt. Wenn etwas zweimal gesagt wird, ist es wichtig. Dreimal ausgesprochen bedeutet höchste Steigerung. Gott ist nicht einfach heilig. Er ist heilig, heilig, heilig. Vollkommen rein. Ohne Schatten. Ohne Sünde. Ohne jede Unvollkommenheit.
Wer Gottes Heiligkeit wirklich erkennt, beginnt fast automatisch, die eigene Unvollkommenheit zu sehen.
Genau das geschieht Jesaja.
Statt sich geehrt zu fühlen, bricht er innerlich zusammen.
„Wehe mir! Ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen; und dennoch haben meine Augen den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen.“ (Jesaja 6:5).
Diese Reaktion begegnet uns immer wieder in den heiligen Schriften. Als Petrus die Macht Jesu erkennt, ruft er aus: „Herr, gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lukas 5:8). Alma fällt nach seiner Bekehrung in tiefe Reue (Alma 36). Auch Henoch fragt den Herrn: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen? Denn ich bin nur ein Knabe.“ (Mose 6:31).
Je näher Menschen Gott kommen, desto weniger beeindrucken sie sich selbst.
Das ist keine zerstörerische Selbstverachtung. Es ist Demut. Der Stolze vergleicht sich mit anderen Menschen. Der Demütige vergleicht sich mit Christus.
Doch bemerkenswert ist, dass Gott Jesaja nicht in diesem Zustand lässt.
Ein Seraph fliegt mit einer glühenden Kohle vom Altar herbei und berührt seine Lippen.
„Siehe, diese hat deine Lippen berührt; damit ist deine Schuld gewichen und deine Sünde gesühnt.“ (Jesaja 6:7).
Die glühende Kohle ist ein kraftvolles Sinnbild für das Sühnopfer Jesu Christi. Jesaja reinigt sich nicht selbst. Er spricht sich nicht selbst frei. Die Reinigung kommt von Gott.
Wie oft glauben wir, zuerst besser werden zu müssen, bevor Gott uns gebrauchen kann. Doch Jesaja zeigt das Gegenteil.
Der Herr beruft keine vollkommenen Menschen.
Er macht berufene Menschen vollkommen – Schritt für Schritt.
Vielleicht besteht gerade darin eine der größten Lektionen dieses Kapitels. Gottes Werk wird nicht von fehlerlosen Menschen getragen, sondern von Menschen, die bereit sind, sich reinigen zu lassen.
Erst nach dieser Reinigung ertönt die Frage:
„Wen soll ich senden?“
Interessanterweise wird Jesaja gar nicht direkt angesprochen. Gott zwingt niemanden. Er lädt ein.
Und Jesaja antwortet sofort:
„Hier bin ich, sende mich!“
Kein Zögern.
Keine Bedingungen.
Keine Verhandlungen.
Nur Bereitschaft.
Diese Worte erinnern unmittelbar an Henoch. Auch er fühlte sich ungeeignet. Er konnte nach eigener Aussage nicht gut reden und war jung und unerfahren. Doch der Herr antwortete:
„Öffne deinen Mund, und er wird erfüllt werden.“ (Mose 6:32).
Henoch wurde nicht berufen, weil er bereits alles konnte.
Er wurde befähigt, weil er bereit war.
Ganz ähnlich beginnt auch das Buch Mormon. Lehi erhält eine Vision Gottes (1 Nephi 1). Zunächst erschrickt er über die Heiligkeit Gottes und die kommende Zerstörung Jerusalems. Dennoch nimmt er den Auftrag an und beginnt zu predigen – obwohl er weiß, dass viele ihn ablehnen werden.
Auch Joseph Smith erlebte zunächst Gottes Heiligkeit, bevor seine eigentliche Berufung begann. Die Erste Vision war nicht in erster Linie eine Antwort auf eine theologische Frage. Sie war eine Begegnung mit der Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes. Aus dieser Begegnung erwuchs ein ganzes Leben im Dienst Gottes.
Immer wieder beginnt göttliche Berufung mit einer Begegnung mit Gott selbst.
Doch dann folgt in Jesaja etwas Überraschendes.
Man würde erwarten, dass Gott nun verheißt: „Alle werden auf dich hören.“
Stattdessen sagt der Herr praktisch das Gegenteil.
Jesaja soll predigen.
Aber viele werden nicht hören.
Viele werden ihre Herzen verschließen.
Auf den ersten Blick wirkt das hart.
Hat Gott selbst die Verstockung bewirkt?
Die hebräische Ausdrucksweise macht deutlich, dass Jesajas Predigt die bereits vorhandene Herzenshaltung des Volkes offenlegt. Dasselbe Sonnenlicht, das Wachs weich macht, härtet Lehm. Gottes Wort wirkt nicht willkürlich verstockend; vielmehr bringt es ans Licht, was bereits im Herzen vorhanden ist.
Auch Jesus zitierte diese Verse später mehrfach (Matthäus 13). Viele hörten seine Worte, aber nicht alle waren bereit, sie anzunehmen.
Jesajas Auftrag bestand deshalb nicht darin, Menschen erfolgreich zu verändern.
Seine Aufgabe war Treue.
Das Ergebnis lag bei Gott.
Das ist eine wichtige Lektion für jeden Jünger Christi.
Wir erleben manchmal, dass Familienmitglieder unseren Glauben nicht verstehen. Freunde interessieren sich nicht für das Evangelium. Ein Unterricht scheint niemanden zu erreichen. Ein Gespräch endet enttäuschend.
Doch Gott misst unseren Dienst nicht allein am sichtbaren Erfolg.
Er fragt nach unserer Treue.
In der Kirche Jesu Christi erhalten wir viele verschiedene Berufungen. Manche sind öffentlich sichtbar, andere geschehen fast unbemerkt. Ein Primarlehrer bereitet sich sorgfältig vor. Eine Besuchsschwester hört geduldig zu. Ein Pfahlpräsident trifft schwierige Entscheidungen. Eltern lehren ihre Kinder Tag für Tag das Evangelium.
Nicht jede Saat geht sofort auf.
Aber keine treue Aussaat bleibt Gott verborgen.
Ein bewegendes Beispiel dafür gab Präsident Henry B. Eyring. Mehrfach hat er erzählt, dass er sich zu Beginn neuer Berufungen seiner eigenen Unzulänglichkeit sehr bewusst war. Er schilderte, wie er lernte, nicht auf die eigene Fähigkeit zu vertrauen, sondern auf die Hilfe des Herrn. Gerade in Momenten, in denen er sich unzureichend fühlte, erlebte er, wie der Heilige Geist Worte eingab, Menschen vorbereitete und seine Schwächen ergänzte. Seine Erfahrungen zeigen eindrucksvoll, dass Berufungen letztlich nicht auf menschlicher Begabung beruhen, sondern auf göttlicher Gnade und Bereitschaft zum Dienen. Seine Ansprachen über Berufung, Offenbarung und den Beistand des Herrn greifen dieses Thema immer wieder auf und machen Mut, Gottes Ruf trotz eigener Unsicherheit anzunehmen.
Jesaja endet erstaunlicherweise nicht mit Gericht.
Mitten im Gericht erscheint Hoffnung.
Es bleibt ein heiliger Same.
Ein Überrest.
Ein neuer Anfang.
Das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch Jesaja. Gottes Gerichte dienen niemals der Vernichtung um ihrer selbst willen. Sie reinigen. Sie bereiten vor. Sie öffnen den Weg für Erlösung durch den Messias.
Auch unser persönliches Leben kennt solche Zeiten. Manchmal erschüttert Gott nicht, um zu zerstören, sondern um Platz für etwas Neues zu schaffen. Alte Sicherheiten verschwinden. Eigene Vorstellungen zerbrechen. Doch gerade dann entsteht Raum für seine Berufung.
Vielleicht hören wir seine Stimme heute nicht in einer Tempelvision wie Jesaja.
Vielleicht geschieht sie still während eines Gebets.
Beim Lesen der heiligen Schriften.
Während des Abendmahls.
Oder durch einen leisen Eindruck des Heiligen Geistes.
Die eigentliche Frage bleibt dieselbe.
„Wen soll ich senden?“
Und vielleicht wartet der Herr noch immer auf dieselbe Antwort.
„Hier bin ich.“
Ich bin überzeugt, dass Gott auch heute Menschen beruft, die sich selbst für ungenügend halten. Er sucht keine Perfektion, sondern ein williges Herz. Das Sühnopfer Jesu Christi macht uns rein, seine Gnade macht uns stark, und sein Geist befähigt uns, Aufgaben zu erfüllen, die unsere eigenen Kräfte übersteigen. Ich weiß, dass der Herr auch heute spricht. Wer bereit ist zuzuhören und zu antworten, wird erleben, dass aus einem einfachen „Hier bin ich“ ein Leben im Dienst des Herrn werden kann.



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