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Vertraue nicht auf Menschen

Autorenbild: manfred.lobstein
manfred.lobstein
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

„Laßt mich doch einmal von meinem Herzensfreunde singen, nämlich das Lied meines Freundes von seinem Weinberg! Einen Weinberg hatte mein Herzensfreund an einer fruchtbaren Anhöhe. 2 Er grub ihn um, säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben; er baute einen Turm mitten in ihm, hieb auch gleich eine Kelterkufe in ihm aus und wartete dann darauf, daß er Trauben hervorbringe; doch er brachte nur Herlinge (= Herblinge) hervor.“ (Jesaja 5:1–2

Jesaja 3, 4 und 5 

Manchmal liegt die größte Tragik nicht darin, dass etwas zerstört wird, sondern darin, dass etwas Großartiges sein Ziel verfehlt. Ein sorgfältig gepflegter Garten, der keine Früchte trägt. Ein Instrument, das nie gespielt wird. Ein Leben voller Möglichkeiten, das sich schließlich nur um sich selbst dreht. 

Jesaja beschreibt genau diese Tragik. Seine Worte beginnen nicht mit einer Gerichtsrede, sondern mit einem Liebeslied. Es ist die Geschichte eines Weinbergs, in den alles investiert wurde: Zeit, Mühe, Schutz und Hoffnung. Gott schildert sich selbst als liebevollen Besitzer, der nichts unversucht gelassen hat. Der Boden wurde vorbereitet, Steine entfernt, die besten Reben gepflanzt und ein Turm gebaut. Alles war vorhanden, damit der Weinberg gute Früchte hervorbringen konnte. 

Doch am Ende wachsen nur wilde Trauben. 

Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch Jesaja 3 bis 5. Hinter den politischen Ereignissen, den sozialen Missständen und den Ankündigungen des Gerichts steht immer dieselbe Frage: Was geschieht mit einem Volk, das alle Segnungen Gottes empfängt, aber ihm sein Herz nicht mehr schenkt? 

Jesaja beginnt mit einer schonungslosen Analyse Jerusalems. Die Führer verlassen sich auf ihre eigene Klugheit. Reiche häufen Besitz an. Einflussreiche Menschen beugen das Recht. Stolz ersetzt Demut. Äußerer Wohlstand verdeckt innere Armut. 

Besonders eindrucksvoll ist, dass Gott nicht zuerst die Feinde Israels anklagt. Er richtet seinen Blick auf sein eigenes Bundesvolk. 

Das ist ein Muster, das sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht. 

Petrus formulierte später denselben Grundsatz: 

"Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes." (1 Petrus 4:17

Gottes Gericht beginnt nicht deshalb bei seinem Volk, weil er es weniger liebt, sondern gerade weil er es liebt. Wer einen Bund mit ihm geschlossen hat, wird nicht sich selbst überlassen. Seine Zurechtweisung ist immer Ausdruck seiner Geduld und seines Wunsches zur Umkehr. 

Jesaja macht deutlich, dass die eigentliche Ursache des Niedergangs nicht politische Schwäche ist. Es ist geistlicher Stolz. 

Der Mensch beginnt, auf Menschen zu vertrauen. 

Nicht auf Gott. 

Kapitel 3 beschreibt eindringlich, wie alle menschlichen Sicherheiten zusammenbrechen können. Führer versagen. Richter fehlen. Weise Menschen verschwinden. Was eben noch Stabilität versprach, löst sich auf. 

Wie aktuell diese Worte doch sind. 

Unsere Zeit bietet unzählige Möglichkeiten, Sicherheit außerhalb Gottes zu suchen. Wir vertrauen auf wirtschaftlichen Erfolg, medizinischen Fortschritt, politische Systeme, Bildung, soziale Netzwerke oder unsere eigenen Fähigkeiten. Keines dieser Dinge ist schlecht. Doch sie werden gefährlich, wenn sie den Platz einnehmen, der allein Gott gehört. 

Jesaja fordert uns deshalb heraus, eine unbequeme Frage zu stellen: 

Worauf stütze ich letztlich mein Leben? 

Der Stolz, den Jesaja beschreibt, wirkt dabei erstaunlich modern. Stolz ist nicht nur Überheblichkeit. Oft zeigt er sich viel subtiler. Er flüstert: „Ich komme allein zurecht.“ Oder: „Ich brauche keine Korrektur.“ Oder: „Ich weiß selbst am besten, was richtig ist.“ 

Gerade deshalb steht mitten in diesen ernsten Kapiteln immer wieder Gottes ausgestreckte Hand. Sein Ziel ist niemals bloß Strafe. Sein Ziel ist Veränderung. 

Das Lied vom Weinberg gehört zu den bewegendsten Bildern der Bibel. 

Der Besitzer fragt: 

"Was hätte man noch mehr für meinen Weinberg tun können, das ich nicht für ihn getan hätte?" (Jesaja 5:4.) 

Diese Frage richtet sich nicht nur an Israel. 

Sie richtet sich auch an mich. 

Wie oft hat Gott meinen Weg vorbereitet? Wie oft hat er Türen geöffnet, Menschen geschickt, Gebete beantwortet oder mich vor Fehlentscheidungen bewahrt? Wie oft hat der Heilige Geist leise versucht, mein Herz zu verändern? 

Und welche Früchte wachsen daraus? 

Die wilden Trauben, von denen Jesaja spricht, entstehen nicht über Nacht. Niemand wacht eines Morgens auf und entscheidet sich bewusst gegen Gott. Viel häufiger wachsen sie langsam. Ein wenig Gleichgültigkeit. Ein kleiner Kompromiss. Ein verletzter Stolz. Eine unterlassene Umkehr. Nach außen bleibt der Weinberg grün. Doch die Frucht verändert sich. 

Deshalb lädt Jesaja weniger zur Selbstverurteilung als vielmehr zu ehrlicher Selbstprüfung ein. 

Vielleicht besteht eine der wichtigsten geistlichen Übungen darin, Gott regelmäßig dieselbe Frage zu stellen: 

„Herr, welche Früchte wachsen gerade in meinem Leben?“ 

Der Herr antwortet auf solche Fragen selten mit Verurteilung. Viel häufiger lädt er uns ein, den Boden unseres Herzens neu zu bearbeiten. 

Dieses Bild begegnet uns später erneut im Neuen Testament. 

Jesus nennt sich den wahren Weinstock und seine Jünger die Reben (Johannes 15). Wieder geht es um Frucht. Wieder geht es nicht um äußere Leistungen, sondern um die Verbindung mit ihm. 

Frucht wächst niemals durch Anstrengung allein. 

Sie wächst durch Bleiben. 

Auch im Buch Mormon finden wir denselben Gedanken im Gleichnis vom Ölbaum (Jakob 5). Der Herr des Weinbergs gibt seinen Bäumen niemals vorschnell auf. Immer wieder gräbt er um, beschneidet, pflegt und wartet geduldig. Selbst wenn vieles verloren scheint, arbeitet er weiter an seinem Weinberg. 

Das ist dieselbe Geduld, die Jesaja beschreibt. 

Ein besonders passendes Beispiel aus der neueren Kirche findet sich in der Ansprache Werden – unsere Herausforderung des damaligen Apostels Dallin H. Oaks. Er erklärt darin, dass das Evangelium weit mehr ist als eine Anleitung für richtiges Verhalten. Gottes Ziel besteht darin, unseren Charakter zu verändern und uns Christus ähnlicher zu machen. Genau diese Wahrheit spiegelt Jesajas Lied vom Weinberg wider. Der Herr beklagt nicht lediglich einzelne falsche Entscheidungen seines Volkes; er zeigt, dass die Frucht des ganzen Weinbergs nicht mehr seinem Wesen entspricht. Äußerer Wohlstand, religiöse Gewohnheiten oder gesellschaftliches Ansehen können fehlende innere Umkehr nicht ersetzen. Gott sucht Menschen, deren Leben die Frucht des Glaubens, der Demut und der Gerechtigkeit hervorbringt. Seine Geduld ist deshalb immer ein Ruf zur Veränderung des Herzens – nicht nur unseres Handelns. 

Vielleicht liegt genau darin auch die Hoffnung dieser Kapitel. 

Gott schreibt seinen Weinberg nicht ab. 

Selbst nachdem Jesaja Gericht angekündigt hat, spricht er immer wieder von einem zukünftigen Überrest, von einem neuen Anfang und von einem kommenden Messias. Gottes Geduld ist größer als unsere Fehler. Seine Liebe reicht weiter als unser Versagen. Sein Wunsch zur Umkehr endet nicht nach dem ersten oder zehnten Rückschlag. 

Solange der Herr den Weinberg noch besucht, besteht Hoffnung. 

Vielleicht sehen wir heute selbst Bereiche unseres Lebens, in denen eher wilde Trauben als gute Früchte wachsen. Vielleicht entdecken wir Stolz, Nachlässigkeit oder falsche Sicherheiten. Jesaja lädt uns nicht dazu ein, zu verzweifeln. Er lädt uns ein, den Gärtner wieder an die Arbeit zu lassen. 

Denn derselbe Herr, der den Weinberg gepflanzt hat, versteht es auch, ihn zu erneuern. 

Ich bin dankbar, dass Gottes Geduld größer ist als meine Unvollkommenheit. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr nicht zuerst meine Schwächen betrachtet, sondern das, was aus meinem Leben noch werden kann. Er gibt nicht vorschnell auf. Er lädt ein, korrigiert, vergibt und schenkt neue Kraft. Ich glaube von ganzem Herzen, dass Jesus Christus auch heute der Herr des Weinbergs ist. Wer ihm sein Herz öffnet, dessen Leben kann Frucht bringen – manchmal langsam, oft unscheinbar, aber immer durch seine Gnade. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

 
 
 

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