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“Hört auf die Stimme Jesu Christi, eures Erlösers, des Großen Ich Bin, dessen Arm der Barmherzigkeit für eure Sünden gesühnt hat, 2 der sein Volk sammeln wird, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, ja, alle, die auf meine Stimme hören und sich vor mir demütigen und mich in mächtigem Gebet anrufen.” (Lehrte und Bündnisse 29:1-2).
Historischer Hintergrund
Lehre und Bündnisse 29 wurde im September 1830 von Joseph Smith empfangen. Der einzige direkte historische Hinweis auf diese Offenbarung stammt von Kirchenhistoriker John Whitmer, der aufzeichnete, dass sie „sechs Ältesten der Kirche und drei Mitgliedern“ gegeben wurde. Diese kleine Gruppe glaubte, dass gemäß den heiligen Schriften die Zeit gekommen sei, in der das Volk Gottes „Auge in Auge“ sehen sollte *). Allerdings gab es unter ihnen unterschiedliche Ansichten über den Tod und die Übertretung Adams. Daher beteten sie gemeinsam darüber und wandten sich an den Herrn, woraufhin Joseph Smith die Offenbarung empfing.
*) Im geistlichen Zusammenhang drückt der Ausdruck "Auge in Auge sehen" oft ein tiefes Maß an Einheit und Klarheit aus. Es geht darum, dass Menschen eine gemeinsame Sichtweise entwickeln, insbesondere in Bezug auf göttliche Wahrheiten und geistliche Erkenntnisse. Es impliziert eine klare und ehrliche Kommunikation oder Erkenntnis, frei von Missverständnissen, und oft ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit – sei es mit Gott oder miteinander.
In der religiösen Tradition wird es manchmal auch verwendet, um den Moment zu beschreiben, in dem man Gott direkt begegnet oder eine direkte, unverstellte Offenbarung erhält. Es ist also eine Metapher für eine tiefe geistliche Erfahrung und Harmonie.
Es wird vermutet, dass die sechs Ältesten von Joseph Smiths Arbeit an der Bibelübersetzung beeinflusst wurden. Dieses Übersetzungsprojekt begann im Juni 1830 und dauerte über den Sommer hinweg an. Bereits am 8. Oktober 1829, während das Buch Mormon noch im Druck war, hatten Joseph Smith und Oliver Cowdery eine große Cooperstown-Bibel für 3,75 US-Dollar (je nach Berechnungsmethode heute etwa 100 bis 120 US-Dollar) von E. B. Grandin gekauft. Sie beschrifteten das Innencover mit „Das Buch der Juden und die Prophezeiung von…“, was auf ihr Interesse an einer vertieften Auslegung der Bibel hindeutet.
Hinweise auf eine neue Übersetzungsarbeit finden sich auch in Offenbarungen aus dem Juli 1830. In L&B 24:5 wurde Joseph angewiesen, „die Dinge zu schreiben, die ihm vom Tröster gegeben werden, und alle Schriften für die Kirche auszulegen“. In L&B 25:6 wurde Emma Smith aufgerufen, Joseph als Schreiberin zu unterstützen, wenn Oliver Cowdery abwesend war. Diese Anweisungen deuten darauf hin, dass Joseph bald eine neue Übersetzungsarbeit begann, ähnlich seiner Arbeit an der Übersetzung des Buches Mormon.
Im Sommer und Herbst 1830 begann Joseph Smith mit der Übersetzung der Bibel. Er verstand diese Arbeit nicht als bloße Übersetzung, sondern als inspirierte Revision, bei der verlorene Texte durch Offenbarung wiederhergestellt wurden. Neben grammatikalischen und sprachlichen Änderungen enthielt seine Arbeit auch theologische Erweiterungen und Klärungen. Besonders das Buch Genesis erfuhr umfassende Änderungen. Insgesamt fügte Joseph bis zum Abschluss des ersten Übersetzungszyklus im Jahr 1833 über 3.000 Verse hinzu, darunter neue Phrasen, Verse und ganze Kapitel.
Fast zwei Drittel der Abschnitte in Lehre und Bündnisse wurden zwischen Juni 1831 und Juli 1833 offenbart, als die erste Übersetzungsphase abgeschlossen wurde. L&B 29 ist die früheste Offenbarung, die direkt mit diesem Übersetzungsprojekt verknüpft zu sein scheint. Weitere Offenbarungen mit direkter Verbindung zur Bibelübersetzung sind unter anderem die Abschnitte 37, 45, 73, 76, 77, 86, 91 und 132.
Obwohl es keine präzisen Aufzeichnungen gibt, ist es wahrscheinlich, dass Joseph bis September 1830 bereits Genesis 1–3 übersetzt hatte, was heute als Mose 1–4 im kanonisierten Schriftenbestand bekannt ist (Köstliche Perle). John Whitmer vermerkte, dass die Ältesten über die Übertretung Adams diskutierten, was Anlass für ihr Gebet und die nachfolgende Offenbarung war. Interessanterweise behandeln sowohl Mose 1–4 als auch L&B 29 Themen wie die geistige und physische Schöpfung der Erde, die Rebellion Satans, den himmlischen Krieg und den Sündenfall Adams und Evas.
Robert J. Matthews (Religionspädagoge und -wissenschaftler der Kirche; er lehrte an der Brigham-Young-Universität (BYU) in Provo, Utah) betonte die enge Verbindung zwischen Lehre und Bündnisse und der Bibelübersetzung durch Joseph Smith. Diese beiden Werke seien nicht als voneinander getrennt zu betrachten, sondern vielmehr miteinander verwoben. Um L&B 29 vollständig zu verstehen, sollte es daher gemeinsam mit Mose 1–4 gelesen werden. (Siehe hier).
Eine Zusammenfassung von L&B 29
L&B 29:1–50 ist eine Offenbarung Jesu Christi an die frühen Heiligen in den letzten Tagen. Christus ruft sie auf, seine Stimme zu hören und sich demütig unter seinen Schutz zu begeben, so wie eine Henne ihre Küken sammelt. Er vergibt ihnen ihre Sünden und beauftragt sie, sein Evangelium mit Freude zu verkünden. Sie sind auserwählt, die Sammlung der Heiligen vorzubereiten, um sich auf kommende Drangsale und die Reinigung der Erde vorzubereiten.
Die Offenbarung enthält bedeutende prophetische Aussagen über die bevorstehende Zerstörung der Schlechten, die Wiederkunft Christi und das Tausendjährige Friedensreich. Christus kündigt an, dass er mit Macht und Herrlichkeit auf die Erde zurückkehren wird, begleitet von seinen Aposteln, die das Haus Israel richten werden. Die Toten, die in Christus gestorben sind, werden auferstehen und mit ihm vereint sein. Vor seiner Ankunft werden kosmische Zeichen auftreten: die Sonne wird sich verfinstern, der Mond sich in Blut verwandeln und ein großer Hagelsturm wird die Erde heimsuchen. Die Schlechten werden durch Gottes Vergeltung gerichtet, während die große und gräuelreiche Kirche durch Feuer zerstört wird.
Nach dem Millennium wird Satan wieder losgelassen, und es wird eine letzte Rebellion geben, bevor Himmel und Erde erneuert werden. Alle Menschen, Tiere und die gesamte Schöpfung werden in einem neuen Zustand wiederhergestellt. Michael, der Erzengel, wird die Posaune erklingen lassen und alle Toten werden auferstehen. Die Rechtschaffenen werden zu ewigem Leben erhoben, während die Schlechten von der Gegenwart Gottes verbannt werden.
Die Offenbarung erklärt auch die geistige Natur aller Gebote Gottes und betont, dass das Gesetz bereits Adam gegeben wurde. Der Fall Adams wird als notwendiges Ereignis dargestellt, das es den Menschen ermöglicht, zwischen Gut und Böse zu wählen. Adam wurde aus Gottes Gegenwart verbannt und erlebte den geistigen Tod, doch durch Christus wurde ihm und seinen Nachkommen die Möglichkeit zur Umkehr und Erlösung gegeben. Kleine Kinder sind von Geburt an durch Christus erlöst und nicht der Macht Satans unterworfen. Abschließend lehrt Christus, dass jeder, der Erkenntnis hat, zur Umkehr aufgefordert wurde, während jene ohne Verständnis in Gottes Hand bleiben.
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